Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18./19. Mai 1951 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN,
RÜMELINSTR. 12>

18. Mai 51.
Meine einzige Freundin!
Wir sind heute auf dem Hohen-Neuffen gewesen und haben von da eine Höhenwanderung nach Urach gemacht – alles in allem 5 Stunden. Ich bin naturgemäß recht müde, möchte aber wenigstens ein paar Worte noch schreiben. In den Pfingsttagen ging es nicht, weil ich den Vortrag für Saarbrücken entwerfen mußte (40 Seiten wie diese.) Am 1 Feiertag war der hierher neu berufene Historiker Rothfels mit Frau bei uns, Montag Nieschling und gestern Frl. Besser aus Hamburg. Du kennst sie von 1933 her. Nun sollte 1 freier Tag sein. Wir haben mit dem Wetter rechtes Glück gehabt.
Ich bin nicht ganz klar darüber, ob Dieters Berufslosigkeit mit der Überfüllung zusammenhängt, oder mit seiner Kriegsverletzung, oder ob noch anderes hinzukommt. Vielleicht errege ich Deinen Unwillen, wenn ich für Deinen Besuch in Tutzing keine große Begeisterung aufbringen kann. Die Fahrt HeidelbergMünchen dauert im besten Fall 6 Stunden – in Tutzing
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| wärst Du erst nach 8 Stunden. Die Bequemlichkeiten, die Dich dort erwarten, sind gering. Wenn Hermann so gut bei Kasse ist, sollte er lieber seinerseits nach Heidelberg kommen. Ein so kleines Kind kennen zu lernen, gibt noch keinen bestimmten Eindruck. Vielleicht bin ich zu wenig Familienmensch, um mir den Reiz solchen Zusammenseins ausreichend vorstellen zu können. Das will ich also abziehen. Aber die Anspannung Deiner sonst Gottlob jetzt guten Kräfte macht mich besorgt, zumal da ich mit meiner vorletzten Reise so wenig gute Erfahrungen gemacht habe. Aber – wie Du willst. Ich bin wohl schon zu sehr abgetakelt.
Sehr große Sorgen macht mir jetzt die Frage, ob und wie man Jenny Honig in dieses Land bekommt. Zum Überfluß ist jetzt noch ein Verwandter des Namens Honig in Potsdam verhaftet worden und verschwunden. Auf eine Pension im Westen hat sie keinen Anspruch. Die Folgerungen ergeben sich von selbst. – Wie die Sache in Kronberg weitergeht, ist auch noch ungewiß. Auch hier begegnet mir das Phänomen Familie, das ich so wenig kenne, und zwar mit ausschließlich tragischen Vorzeichen.

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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN,
RÜMELINSTR. 12>

19.5.
Ich habe seit 8 Tagen vor dem linken Auge eine mouche volante. Trotz ihres Hin- und Herfliegens hat sie eine bestimmte wurm förmige Gestalt. Rechts habe ich das schon einmal gehabt. Ich ging deswegen zu unsrem 76jährigen Augenprofessor Stock. Er machte an dieser Sache nichts. Das Gebilde wurde im Laufe von Tagen immer kleiner, so wie wenn eine beschädigte Stelle im Augen abheilte. Da der Wurm auch schon etwas kleiner geworden ist, hoffe ich auf die gleiche günstige Entwicklung.
Auf die "Pädagogischen Perspektiven" habe ich schon viele Briefe bekommen; einige wenige auch mit Inhalt. Zollinger hat sie auf der 1. Seite der Nu Zi Zö ausführlich besprochen, und Schmeil hat gejubelt.
Die gestrige Partie ist uns recht gut bekommen. Das hängt wohl damit zusammen, daß wir uns ca ein Drittel des Tages auf einer Höhe von 7–800 m bewegt haben.
Beiliegend ein Brief von Lischen Schwidtal. Sie wird wohl nicht gern von Kassel weggehen. Täte sie es, so könnte
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| sie mal an Frau Direktorin Besser, Hamburg 13, Bundesstr. 49. (unter Berufung auf mich) schreiben. Frl. Besser ist die Vorsitzende des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes. Als solche hört sie gewiß einmal, wo Bedarf ist.
Frau Lincke ist leider krank. So muß ich alle meine Briefe jetzt mit der Hand schreiben. Sonst diktiere ich in 1 Stunde 7–10 Stück.
Vielleicht können wir auch einmal wieder nach Ketsch fahren, wenn es mit der Verbindung klappt. Allerdings, wenn ich (gemäß altem Fahrplan) am 1. Juni zwischen 12 und 13 durchkomme, kann ich nicht bleiben. Vielmehr habe ich am gleichen Tage noch von 18–20 Seminar.
Morgen Abend werden wir bei Harnacks sein. Vor kurzem war der 100. Geburtstag des Vaters.
Dies ist ein konfuser Brief. Aber so etwas produziere ich jetzt oft. Habe Nachsicht! Die ganze Belegschaft grüßt.
Mit vielen herzlichen Wünschen und Grüßen
Dein getreuester
Eduard.

[] Versäume nicht, Heizmaterial einzukaufen, wenn Du irgend etwas kriegen kannst.
[li. Rand] Am 24. Mai ist Frau Biermanns 70. Geburtstag. Kronberg/Taunus, Oberurseler-Str.