Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Juni 1951 (Tübingen)


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Tübingen, den 11. Juni 51.
Meine einzige Freundin!
Die bekannte Parallelität des Erlebens bei Dir und mir hat sich diesmal geäußert in der Flut von Besuchen, die ebenso erfreuen, wie manchmal bedrängen. Bei mir war überhaupt die vorige Woche so zerstreut, daß ich zeitweise meine Berufsaufgaben ganz aus den Augen verloren habe. Am Montag fuhr ich mit "meinem" Franzosen über Weilderstadt, einem verschlafenen Nest, in dem wir das Keplerhaus besuchten, nach Tiefenbronn bei Pforzheim, wo ein herrliches Altarbild von Lukas Moser erhalten ist, dann nach Maulbronn. Besichtigung des Klosters, gutes Diner zu 11 Leuten (nur eine Dame: Frau Erbe,) in dem Hôtel, wo auch wir waren, zuletzt recht stimmungsvolle Weinprobe in "Eilfinger" auf dem Weingut des Herzogs von Württemberg, das man von der Bahn
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| über dem kleinen See liegen sieht. Die Rückfahrt per Auto wieder über Weilderstadt dauerte nur 2 Stunden. (!)
Für Freitag Mittag sagte sich dann telegraphisch Louvaris an. Wir hatten bis gestern Abend mit ihm ein recht schönes Zusammensein mit ihm. Die Einladung nach Griechenland – von allen meinen persönlichen und unbekannten Freunden dort – haben wir mindestens für dieses Jahr abgelehnt. – Heute kam ein Pädagoge aus München, früher Athen: Lichtenstein. Morgen werden der Präsident der Bremer Wittheit Prof. Entholt und ein Schweizer Pädagog Dr. Müller zu Mittag bei uns sein. Mittwoch kommt Dr. Schröder, früher Königsberg, jetzt Flensburg. Donnerstag rede ich in Winnenden Und – daneben – kann ich gerade meine Vorlesungen, das Seminar (Hegels Rechtsphilosophie – sehr schwer) und meine Post erledigen; nicht die Pinne mehr.
Es tut mir doch leid, daß Du nicht
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| eine Ansichtskarte an Frau Biermann schreiben konntest. Sie nimmt so echten Anteil an Dir. Zu Ihrem 70. Geburtstag waren gegen 43 Personen versammelt, von 82 bis zu 6 Jahren.
Die Tage des Vormunds Brunhilde Bethmann scheinen gezählt zu sein. Frau v. Holzhausen will der Prinz von Hessen einmal nach Loheland fahren; denn von dem Ergehen des Kindes weiß man garnichts. Jenny Honig scheint entschlossen, um den 20.6. nach Berlin überzusiedeln und dann gleich bis Stuttgart-Echterdingen zu fliegen. Dort würde sie Susanne abholen. Das gibt natürlich aufregende Tage. Aber im Juni habe ich keine Extravorträge mehr. Dafür im Juli noch drei.
Dietrich Seckel, einst mit uns in Japan, siedelt jetzt von Ludwigsburg nach Neckargemünd (Gegend Walkmühle) über. Er ist Dozent für ostasiatische Kunstgeschichte in Heidelberg. Auch er war diese Woche zu Mittag bei uns. Wenn Du hinzunimmst, daß ich noch
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| einen Abend in Wolfgang Herchenbachs Verbindung war, hast Du ein Bild, wie ich jetzt lebe. Es ist durchaus gegen meinen Stil, und nicht zu verantworten. Lehnt man aber einmal einen Besuch ab, wie Wallners Schwägerin Winkelmann, dann ist gleich Verstimmung.
Ich habe eine Feder gegriffen, die mich mehr als verstimmt. Es ist Zeit, daß ich abbreche; ich muß auch mal wieder richtig ausschlafen. Daher Schluß mit herzlichsten Wünschen und Grüßen!
Dein
Eduard.