Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23./24. Juni 1951 (Tübingen)


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Tübingen, den 23. Juni 51.
Meine einzige Freundin!
Die letzten 10 Tage waren für mich ziemlich "bunt", und es ist nur gut, daß ich mit dem Semester selbst diesmal nicht viel zu tun habe. Einzelheiten zu berichten, lohnt kaum. Denn im Grunde handelte es sich um lauter Quisquilien. Winnenden z. B. war überflüssig und wenig reizvoll. Heute vor 8 Tagen war erst großer Senat, dann ein gewaltiger Gewitterguß; aber wider Erwarten schien dann doch die Sonne zu dem bescheidenen Universitätsfest im Botanischen Garten.Γ [re. Rand] | Γ sehr hübsch.! Bei dieser Gelegenheit habe ich unsren früheren Staatspräsidenten Carlo Schmid 10 Minuten gesprochen und politisch ganz Interessantes von ihm erfahren (nicht viel Gutes) Abends sprach dann in unsrem Herrenkreise noch der Bundesminister Wildermuth (Bruder des Irrenanstaltsdirektors W. in Winnenden), der in der Diskussion ziemlich gezaust wurde. Montag hatte Silvia Wais ihr Abiturium, das sie gut bestanden hat. Aber – Zeugnis der "Reife"??
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Eine Nichte [über der Zeile] Cousine von Susanne, einst prakt. Ärztin in Breslau, jetzt Heppenheim, sandte einen Dr. Kauffmann [über der Zeile] (Hamburg) mit Grüßen zu uns. Dessen Tochter studiert hier und hat sich mit dem ebenfalls hier studierenden Schotten Alexander verlobt, der eben einige Zeit an der Odenwaldschule tätig war – so verfitzt sich alles und ist doch ziemlich peripher.
Briefe von Interesse waren folgende: Holzhausens sind mit dem Prinzen von Hessen nach Loheland gefahren, um die kleine Christiane zu sehen. Zu gleicher Zeit aber tauchte dort der Vormund Brunhilde Bethmann auf, anscheinend Zufall!! So verlief alles sehr frostig. Shinohara schreibt, das 5000 Exemplare v. d. "Magie der Seele" in Japan verkauft sind. 2000 weitere sollen gedruckt werden. Eine Frau Judith Lessing, Tochter des inkriminierten und später ermordeten Theodor Lessing, erinnert mich an Begegnung bei Ilse v. Stach (eigentlich Wackernagel) und hat über derartige Erinnerungen einen fehlerreichen Artikel in einem englischen Blatt in Saloniki geschrieben, wo sie jetzt lebt. Ilse von Stach war eine Kollegenfrau in Leipzig, dichterisch wenig, aber sehr katholisch. – In
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| Pretoria (Südafrika) soll eine Dissertation über mich gemacht werden; es fehlen aber erforderliche Bücher.
Du wunderst Dich wahrscheinlich, daß über Jennys Ankunft nichts gesagt ist. Die zögert sich aber laut Telegramm noch hinaus. Jetzt ist der 26. Juni angegeben. Wenn es dabei bleibt, werden wir sie abends 19.30 per Auto im Stuttgarter Flugplatz Echterdingen abholen und zunächst hierher bringen. Am 27.6. 8 Uhr habe ich Kolleg. Der Geburtstag aber wird abgeblasen, und ich fahre wohl mit den nach Alpirsbach reisenden Schwestern um 10.30 bis Horb oder Freudenstadt mit; bleibe den Tag über fort. Am 28.6. kommen Pädagogen aus Schwäbisch-Gmünd, für die ich um 15 Uhr eine Ansprache halten soll. Um 17 Uhr fahre ich nach Stuttgart, um an der Sitzung des Hochschulbeirates der T.H. teilzunehmen, dessen Mitglied ich bin. Rückkehr erst nach 24.00.
Gott sei Dank, daß ich meine wissenschaftliche Arbeit schon hinter mir habe! Wie soll man bei einem solchen Leben irgend etwas Konzentriertes leisten? Wenke ist auch immerzu unterwegs, und ich kann nicht verschweigen, daß er leider
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| mehr wissenschaftlicher Betriebsdirektor ist als das, was man früher Universitätsprofessor nannte.
Schluß für heute. Gute Nacht.

24.6.51.
Eigentlich wollte ich noch hinzufügen, daß ich mich über Deinen, vom Wetter ausnahmsweise begünstigten Ausflug nach Oberdielbach gefreut habe, für Karte u. Brief danke, und sonst noch manches. Aber ich habe gestern und heute das Geleitwort für das Buch von Frau Morgan gemacht, und möchte nun mit dem Zuge 14.38 nach Richtung Kilchberg. Verzeih, wenn ich deshalb etwas abrupt schließe, und sei –– wie stets – des innigsten Gedenkens gewiß von
Deinem
Eduard

[] Alle grüßen!