Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Juli 1951 (Tübingen)


[1]
|
Tübingen, den 5. Juli 51.
Meine einzige Freundin!
Zunächst muß ich in dero herzerquickenden Brief zum 27.6. einen Rechenfehler in Ordnung bringen – leider! Du schreibst, ich nähere mich dem 7. Jahrzehnt. O nein! Es ist das achte, und entsprechend ist es auch bei Euer Gnaden.
Unabhängig von den Zahlen ist es wohl unentrinnbar, daß es uns beiden "ohne nachweisbaren Grund" manchmal schlecht geht. Die Mitteilung, daß es Dir so begegnet sei, hat mich eigentlich den ganzen 27.6. trübe gestimmt. aber ich habe angenommen, es sei dies bei Dir wie bei mir die ständige elektrische Spannung in der Atmosphäre, die eine schreckliche Strapaze bedeutet. Seit eben dem 27.6. ist es damit ein wenig besser geworden. Es bleibt aber dauernd zu beachten, daß Du bei solchen Gewitterstimmungen besonders vorsichtig und schonend mit Dir umgehen solltest. Es gibt wohl auch Mittel, die man für sich allmählich erprobt hat: Hände in kaltes Wasser legen, Kaffee, – oder was sich gerade bewährt hat. –
Ich habe höchst zerstreute Tage gehabt.
[2]
| Deshalb bin ich auch noch nicht zu stiller Beschäftigung mit dem lieben Buch gekommen, das im nächsten Jahr in sein – elftes Jahrzehnt eintritt. Es stammt aus einer Serie, die mir seit langem bekannt ist. Irgend wer in meiner Familie – wohl der Großonkel Eduard – hatte die Stahlstiche sämtlich ausgeschnitten und auf Bogen geklebt, die Du früher einnmal bei mir gesehen haben mußt<Tintenfleck> mußt. Aber hier kann ich nun auch den Text lesen.
Vom "Familienstandpunkt" gesehen, war ja dieser Geburtstag ein besonders freudiger. Die schwere Sorge um Jenny hat sich gemildert, ohne daß Susanne nach BerlinPotsdam fahren mußte, was ich absolut freigestellt, aber sehr gefürchtet hatte. Ganz gut beweglich kam sie aus dem silbernen Flugzeug in Echterdingen heraus. Wir waren mit einem Privatauto hingefahren, um sie abzuholen, und so waren wir schon um 20.30 mit ihr in der Rümelinstr. Es war mir beruhigend, daß sie für die Landschaft Interesse hatte. Sie war ernst, äußerlich "hart" nach ihrer Weise, sichtlich aber auch oft den Tränen nah. Was sie durchgemacht hat, zeigte die furchtbare Narbe am linken Hand
[3]
|gelenk.
Am nächsten Morgen hielt ich von 8–9 meine Vorlesung, bei der mich eine warme Sympathiekundgebung meiner Hörer zu einer scherzhaft-ernsten Ansprache nötigte. Besucher, bei denen dies tunlich war, waren vom "Ausfallen" des Geburtstages verständigt worden. Um 10½ saßen wir im Zuge und waren nach 2x Umsteigen kurz nach 12 in Alpirsbach. Ich habe dort solo Mittag gegessen. Dann en famille. Dabei – oder schon im kalten Wind von Echterdingen – habe ich mir schon wieder einen Schnupfen geholt, obwohl ich geglaubt hatte, die Natur könne das nach 2 Monaten nicht schon wieder aufbringen.
Abends fanden wir dann schöne Blumen, und wohl über 100 Briefe etc, von denen ich bisher höchstens 50 "abgearbeitet" habe. Das "is a Kreiz." Am 28. – nach einem unerhörten Gewitterguß und Ansprache für Lehrerstudenten – fuhr ich um 17. Uhr mit dem Omnibus nach Stuttgart. Freundlicherweise lieh mir der Rektor der T.H. sein Auto zur Rückfahrt, so daß ich noch vor 24.00 zu Hause war. Es ging dann mit den üblichen "Durchreisenden", späten Vorträgen und Sitzungen so weiter. Ich konnte mit Mühe meine Vorlesungen vorbereiten. Der <unleserliches Wort>
[4]
| des heutigen Tages war Herr Schmeil. [] (Sonntag Frau Felix Krueger (†) aus Basel.)
Der Flug BerlinStuttgart, Auto EchterdingenTübingen, Fahrt zu dreien nach Alpirsbach haben die Reisekasse etwas angegriffen. Nun ist das Semester auf seiner üblichen bedrängten Höhe angelangt. Du kannst Dich aber darauf verlassen, daß ich so bald wie möglich nach Heidelberg komme.
Aus Japan kamen 3 Briefe: Kotsuka, Shinohara, Senzoku. Die jap. Übersetzung der "Magie der Seele" mit 5000 Exemplaren ist ausverkauft; 2000 weitere Exemplare sollen gedruckt werden. Ein durchreisender mohammedanischer Inder aus Kaschmir brachte mir Grüße von meinem alten Schüler Abid Hussain, den ich seit 1933 zu den Toten gezählt hatte. Die Academia Goetheana in São Paulo, Brasilien, hat mich zum korresp. Mitglied ernannt. Ein Professor in Pretoria (Südafrika) plagt mich mit allerhand Wünschen, weil er eine Dissertation über mich machen [über der Zeile] lassen will.
Sauerbruch †, das hast Du gelesen.
Ich muß nun abbrechen. Eben 21½, meldet sich jemand wieder von auswärts zu morgen an, was mir garnicht paßt. Denn ich habe schwere Arbeit mit dem Seminar. Und so geht es immer weiter.
Die gesamte Frauenschaft grüßt herzlich. Ich bitte Dich, mir bald wieder zu schrieben, wie es geht, und bleibe mit guten Wünschen in <li. Rand> Dankbarkeit
Dein Eduard.

[re. Rand S. 1] Lore, die 200 Schillinge von mir bekommen sollte, aber in Wien nicht aufzufinden war, hat sich auf einmal wieder mit einer Karte gemeldet.