Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. August 1951 (Tübingen)


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Tübingen, den 3. August 51.
Meine einzige Freundin!
Susanne ist soeben schon mit beiden Koffern nach Freudenstadt, Herrenfelder Str. 43 bei Frau Pfarrer Herrlinger abgefahren. Ich muß noch bis morgen hierbleiben. Trotz der Ferien ist ein scharfer Konflikt zwischen der Universität und dem Ministerle ausgebrochen. Plötzlich ist eine außerordentl. Sitzung des Großen Senats anberaumt worden, die ich noch mitmachen will.
Von Jagstfeld neulich bin ich noch 4 Bahnstunden mit ca 50 Stationen unterwegs gewesen. Susanne holte mich trotz der späten Stunde von der Bahn ab. – Man kann nicht verlangen, daß günstiger Fahrplan und schöne Natur sich immer zusammenfinden. Vor allem aber war die Luft zu drückend, und die ist wohl vor allem an der schlechten Laune schuld, die in Dir nach dem Unter
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|nehmen zurückgeblieben ist.
Ich habe diese Woche fast nur Privatbriefe geschrieben, um den Stoß von genau 130 Geburtstagssachen kleiner zu kriegen. Das ist mir auch bis auf etwa 15 gelungen. Aber ein solcher Zeitaufwand (besonders für das gemütvolle Frauenzimmer) ist doch kaum zu verantworten. (Denke doch ja an Federn, ähnlich der früheren Bremer-Börsen F, aber besser. Zunächst höchstens 1 Dutz. zur Probe.) Außerdem war Flitner sr. hier, gealtert und recht verändert. Gestern Geheimrat Rödiger, der in Paris für uns wichtige Verhandlungen über Wehrfragen führt; und Wenke, der von Bonn zurückgekommen ist. Die Fröbelabhandlung in neuer Gestalt ist an Quelle u. Meyer abgegangen. Den Wunsch von Drechsler, daß ich sein Fichte ms. lese, mußte ich ablehnen.
Nun zur Grabsteinfrage. Sie läßt sich von 2 Seiten betrachten, von der Seite der Liebe und von der des Rechtes.
Von der ersten ist alles sehr einfach. Ich werde Dir nie irgend eine Beschränkung in der Geldverwendung auferlegen. Wenn Dein Gemüt etwas Bestimmtes fordert, dann erst
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| recht nicht. Und daß das Grab von Tantchen wieder hergerichtet wird, ist auch für mich eine Pietätssache.
Nun wäre ich aber unaufrichtig, wenn ich es so hinstellte, als ob das für mich die einzige Sicht der Angelegenheit wäre. Wie ich über das Verhalten Deiner Familie Dir gegenüber denke, habe ich schon früher einmal angedeutet. Ich bin darüber für meine Person vergnätzt, halte es aber auch für nötig, zum Schutz Deiner Rechte beizutragen. Ich bin in solchen Fällen betont unliebenswürdig. An Deiner Stelle würde ich es so machen: Sobald Du von Walter den Kostenvorschlag hast, was vielleicht nie geschieht, sagen wir 100 M. – dann schreibe an
Änne, Hermann, Hans, Walter:
"Ich, als die Nächststehende, übernehme freiwillig 50 M. Einen jeden von Euch fordere ich auf, monatlich 1 M zurückzulegen und mir nach Ablauf eines Jahres die 12 M zuzusenden." Du wirst sehen, daß es keinem von ihnen Mühe macht, die 12 M sofort zu schicken, ausgenommen vielleicht Hermann, der das ja aber von der für die Einladung ausgesetzten Summe nehmen kann.
Nun bist Du völlig frei, nach Methode 1 oder 2 zu verfahren.
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Ich bitte Dich um Nachsicht, wenn ich in den nächsten 8 Tagen nicht schreibe. Im Augenblick bin ich derartig "ausgeschrieben", daß ich mal 8 Tage fern vom Tintenfaß leben muß. Übrigens hat mich ein philosophischer Gedanke seit Monaten beschäftigt, dem ich in Freudenstadt näher nachgehn wollte. Ich habe aber schon gestern und heute festgestellt, daß es damit nichts ist. Dessen bin ich also enthoben. Aber es sind noch 3–4 andere Projekte in F. zu fördern. Laut gestrigem Telegramm ist übrigens der Pfarrer Jahn [über der Zeile] (Berlin) im Palmenwald.
In Alpirsbach geht die Sache, entsprechend den hartgesottenen Charakteren, schon jetzt ziemlich schlecht. Hingegen für Kronberg kann man hoffen, obwohl die abgesetzte "Vormund" Berufung eingelegt hat.
Zum Schluß bemerke ich: in Jagstfeld wird Skrofulosität behandelt. Gegen zu viel Skrupulosität müßten wir mal einen anderen Ort aufsuchen. Bene agere et laetari! Diesen Satz des Spinoza übersetzt Dir vielleicht jemand, wenn es nötig sein sollte.
Im Ernst: mach Dir nicht zu viele Gedanken. Passe lieber auf die Steine auf, die auf dem Wege vor den Füßen liegen und geh Ihnen aus dem Wege!
Mit herzlichsten Wünschen und Grüßen
Dein getreuester Eduard.