Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. August 1951 (Freudenstadt)


[1]
|
Freudenstadt, den 13. August 51.
Meine einzige Freundin!
Nun grüße ich Dich wieder aus unsrem alten Freudenstadt. Eigentlich ist es ein neu erstandenes Freudenstadt. Etwa ⅓ des Marktes ist wiederhergestellt, mit Arkaden, wie früher, nur ein bißchen nobler. Wo die "Linde" war, ist jetzt ein Kaffee Maugenescht (!); aber in einer Seitenstraße (Reichsstraße) fanden wir eine neue "Linde", im Besitz des (schwerhörigen) Sohnes Hermann Grüninger. Bescheiden und nett; aber der noch einfachere "Bär" gefällt mir besser. Vorgestellt habe ich mich in der "Linde" noch nicht. – In der ganzen Stadt wird enorm gebaut. Sie verspricht, einmal die ganze Wiesenhochfläche zu bedecken. Vorläufig sind noch viele Ruinen da. Aber durch "Staub" machen sie sich dies Jahr nicht bemerkbar.
Unsre Wohnung liegt so: wenn Du vom Hôtel Palmenwald eine gerade Linie abwärts zum Bahnhof ziehst, genau in der Mitte. Also etwas
[2]
| abseits und für die Mahlzeiten nicht bequem. Innen ist es sehr angenehm und still. Inhaberinnen der Wohnung sind 2 Pfarrerswitwen. Vom Fenster ist bei Fernsicht der Roßberg zu sehen, also die Tübinger Gegend. Der Ort scheint nicht überbesetzt. Aber Omnibusse kommen in ganzen Karawanen, Motorräder, Lastwagen und alles was Radau macht. Beispiel: 3 Dienstage hintereinander erschienen hier Extrazüge mit je 1000 Angestellten von Mannheim-Waldhof (Stammfirma jenes Werkes Johannismühle an der Oder.) Hingegen ist das Phänomen "Wanderer" so gut wie ausgestorben. Hinter dem Teuchelesweg trifft man höchst selten noch einen Menschen. Die Jugend hat ein Rad, möglichst ein Motorrad.
In der Zeitung hast Du von der Katastrophe in Rippoldsau am 3. August gelesen (Susanne war schon hier, ich noch in Tübingen.) 23 Brücken der Wolf zerstört, der Verkehr von Ripp. nach Wolfach wird bis Mitte Oktober gesperrt bleiben.x) [re. Rand] x) Kurhaus Griesbach schwer beschädigt!
Unsre Unternehmungen bisher: Am Montag (6. Aug.) war ein Tag mit herrl. Wetter. Wir gingen nach Zwieselberg, aßen dort, dann langsam über Salzeckerweg
[3]
| zurück. Mit Pfarrer Jahn aus Berlin-Steglitz, der mit s. Frau längere Zeit im Palmenwald gewohnt hat, waren wir 2mal zusammen. (Alter guter Freund.) Nach Baiersbronn gingen wir "oben rüber". Schönblick ist wieder Hôtel. Der Blick von dort ist wirklich schön. Der Ort selbst hat alle Stille u. Dörflichkeit verloren. Der "Ochse" ist noch immer nicht wieder aufgebaut Rückfahrt mit Omnibus.
Am Donnerstag bei starkem Wind machten wir uns früh wohlgemut auf den Weg, um über Schömberg nach Alpirsbach zu gehen. (gute 4 Stunden.) Aber schon in Ödenwald wurde klar, daß der strömende Regen nicht wieder aufhören würde. So gab selbst Susanne das "Rennen" auf. Wir frühstückten im Adrionshof (zu Oedenwald gehörig), schwammen weiter nach Loßburg, dann Bahn. Pitschnaß um 3 zu Hause.
Am Freitag kam Jenny zu Besuch. Sie sah gut aus und war ganz leistungsfähig. Wir saßen auf Bänken am Teuchelesweg und im Palmenwald herum, tranken Kaffee im wieder geöffneten Stockinger.
Samstag zu Fuß nach Loßburg. Gestern (Sonntag) fuhren wir bis Loßburg und gingen von der Kinzigquelle abwärts nach Alpirsbach, immer gegen einen aufregenden Föhnwind.
[4]
| Mir wurde die Tour (3½ Stunden) etwas zu viel, zumal da oberhalb v. Ehlenbogen der Weg durch gefällte Baumstämme (cf. NeustadtLenzkirch!) fast unpassierbar war. Schon vor Alp. an der Landstraße im Adler aßen wir Mittag. Bei Heß' war noch anderer Besuch, so daß wir 8 Personen waren + 1 großer Hund. Von dort hatte ich mit Wachsmuth in Berlin ein Telephongespräch für 18,90 M. Mit der Goethe-Gesellschaft steht es wieder sehr kritisch.
Heute der Regentag, der nach dem Föhn fällig war. Ich habe viel Briefe zu schreiben. Laut Zeitung bin ich zu einem der 4 Vicepräsidenten der Notgemeinschaft gewählt worden. Das wird viel Reisen bringen, auch über Heidelberg.
Die gütigst gesandten Federn sind die richtigen. (Bisher hatte ich "Börsenzack" = Börsenkratz.) Dieser Brief ist mit der neuen Feder geschrieben. Kann ich sie in Tübingen nicht bekommen, werde ich Dich öfter bemühen müssen. Zunächst herzlichen Dank.
In Heidelberg wird die ewige Gewitterstimmung auch recht angreifend sein. Hier ist die Luft doch immer gut, und wir sind viel draußen. Übermorgen ist Idas Geburtstag. Geplant ist für nächsten Sonntag Begegnung mit Oelrich in Schiltach; ferner mit den hier herum auf Ferien befindlichen Geschwistern Eggerts aus Berlin, wahrscheinlich in Besenfeld.
<li. Rand> Auf allen Wegen gedenke ich Deiner und unsrer unvergeßlich schönen Wanderungen. Ich werde dies Jahr ein bißchen Melancholie nicht los. Hilf mir, sie zu <re. Rand> bekämpfen durch gute Nachrichten von Dir! Susanne grüßt herzlich und ganz besonders Dein <Kopf> Dich stets im Herzen tragender
Eduard.