Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3./4. September 1951 (Tübingen)


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Tübingen, 3. September 51.
Meine einzige Freundin!
Der durch alle Stürme gerettete Papierbecher ist mir Symbol der Konstanz in einem halben Jahrhundert, und dieses halbe Jahrhundert Gleichnis zeitlosen Bestehens. Nun also werde ich dies Symbol aufbewahren und Dir vielleicht dereinst in der Ewigkeit präsentieren. –
Es ist heute so viel zu berichten, daß ich mich bei jedem Punkte auf Andeutungen beschränken muß.
Schon in Freudenstadt erhielt ich im Auftrage des Bundeskanzlers die Anfrage, ob ich bei der Verfassungsfeier in Bonn am 12.9. bereit sei, die Festrede zu halten.x) [re. Rand] x) 4.9.  Deine soeben eintreffenden warmen Segenswünsche heiligen für mich das Unternehmen u. geben mir Kraft. Ich habe – ebenfalls telegraphisch – zugesagt. Vorgestern kam ein ergänzender Brief von Heuß. Nachdem ich die dringensten Postsachen[re. Rand] } ein Berg! erledigt, die 1. Korrekturen von "Fröbels Gedankenwelt" erledigt, einen Aufsatz zu einer durch mich in ganz Deutschland aufgerührten Berufserziehungsdiskussion geschrieben und am 28.8. Lamperts in Stuttgart besucht hatte, um mit Conradine Lück Fragen des Fröbeljubiläums 1952
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| zu besprechen, trat natürlich die Orientierung für die Rede entschieden in den Vordergrund. Ich habe Gott weiß alles gelesen, so daß nun das Faß an Konzeptionen schon überläuft.
Am 13.9. abends werde ich in Frankfurt sein müssen zu einer rechtlichen Vorstandssitzung der Goethe-Gesellschaft. Schon seit Tagen zieht die Ostpresse Wachsmuth und mich durch den Kakao, und sie erweist sich im Lügen selbst einem Göbbels als überlegen.
Beide Sachen hättest Du auch im Rundfunk hören können. Aber Du hörst ihn ja so wenig wie ich.
Am 15.9. werde ich wahrscheinlich mit kurzem Aufenthalt durch Heidelberg kommen; kurz – denn am 19.9. muß ich in Beuron reden. Gleich danach kommt eine Examensperiode von 10 Tagen.
Ich habe vielleicht einen Fehler gemacht, als ich auf lebhaftes Zureden des Rektors von Göttingen ohne weiteres den Posten eines Vicepräsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft von Freudenstadt aus annahm. Zu Hause ersah ich aus dem Protokoll von Köln, daß meine Wahl
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| eine Kampfwahl gewesen ist. Erst in der Stichwahl bin ich gegen Euren Rektor Heß, den ich schon als Assistenten in Berlin gekannt habe, mit dem geringen Stimmenverhältnis 20:16 durchgegangen. Wenn diese geringe Majorität nur auf den Bedenken gegen mein Alter beruht, so teile ich diese Bedenken. Das weiß ich aber noch nicht.
Da wird nun auch bald einen Sitzung notwendig werden. Außerdem habe ich vor Semesterbeginn noch 3 Vorträge, davon nur einen in Tübingen. –
Unsre letzte Unternehmung in Freudenstadt war eine Wanderung zu Fuß über Schömberg nach Alpirsbach. In Schömberg Mittagspause. Im ganzen 4 Stunden, ohne besondere Anstrengung. In Freudenstadt habe ich noch den mir nahe bekannten General Speidel besucht, der jetzt auf dem Petersberg die wichtigen Verhandlungen führt, und er war neulich auch kurz bei uns. Hierbei handelt es sich u. a. um meine Erinnerungen an den Generaloberst Beck.
Hier hatten wir u. a. Besuch von der Dir altbekannten Annelise Maier, seit Jahren in Rom. Im ganzen nicht mein
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| Typ, aber eine hochgelehrte Person.
Es ist mir in diesem Jahr unbeschreiblich schwer geworden, von Fr. wegzugehen. Der letzte Tag war besonders hell und farbig. Die Zukunft ist in meinen Alter ja vorwiegend dunkel. Es meldet sich eben, als Gegenstück zu meiner Jugendsentimentalität, eine Altersmelancholie, die mich auch oft aus der Nacht- oder Nachmittagsruhe aufstört. An Freudenstadt ist ja besonders viel von m. Schicksal gebunden. Zum Beispiel: auf jener Wiese, wo wir 1916 mit den Geschwistern Thümmel am Murgufer saßen –  – da steht jetzt ein Kino. Und die "Linde" – nun, die ist wohl wieder in maßvollem Aufblühn. Die 2 Pfarrersfrauen, bei denen wir gewohnt haben, hatten besonders viel Verständnis für unser Bedürfnis nach Zurückgezogenheit.
Die kleine Held bleibt ein ungelöstes Rätsel, und man ist nun einmal so, daß man es schließlich übelnimmt, wenn kein Vertrauensbeweis den anderen aufschließt. Frl. Héraucourt hingegen gehört zu denen, die das Schicksal hartnäckig von einer Not zur anderen scheucht. Hoffentlich kommt Frau Buttmi bald wieder zur Ruhe.
Alles weitere verschiebe ich bis zum 15.9. Sei von uns, d. h. Susanne, Ida und mir herzlichst gegrüßt. Ich bleibe im <li. Rand> Sinne des 31. August – besonders von 1903 – Dein
getreuester
Eduard.