Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. September 1951 (Tübingen)


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<Stempel: Prof. Spranger
(14b) TÜBINGEN
Rümelinstrasse 12>

27.9.51.
Meine einzige Freundin!
Seitdem wir den wunderschönen Nachmittag in Neckargemünd haben durften, habe ich arbeiten müssen, wie selten in meinem Leben. Lauter Terminarbeiten, lauter Heterogenes, leider auch viel kleiner Kram. Ich bin dabei sehr nervös geworden, und ich sehne mich – nicht nur nach Freudenstadt zurück, sondern nach dem geordneten Betrieb des Semesters.
Zunächst lag am 15.9 der zu erwartende Berg von Zuschriften auf die Bonner Rede da, z. T. erfreulich, z. T. abscheulich, z. T. verrückt, auch einiges gemein. Darauf mußte reagiert werden, zugleich aber der Text für Beuron hergestellt werden. (40 Zettel.) Ich fuhr am 18. nachm. ab, hatte eine Stunde Aufenthalt in Sigmaringen, wurde in B. vom Gast-Pater, der Prof. Dorer und ihrer Gefolgschaft abgeholt und – leider – im Kloster selbst einquartiert, wo es nichts zu trinken gab und Rauchen eigentlich nicht erlaubt war. Am nächsten Morgen um 7 in der Messe, um 9 Vortrag eines netten Schweizer Kollegen,
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| um 11 der meinige, fast 1½ Stunden lang, der viel Beifall fand und auch wirklich nicht schlecht war. Von 16–19 war dann die Diskussion, erst über meinen Vortrag, dann über den anderen, nicht ohne Niveau. Abendessen mit der Dorer allein, um 21 musikalischer Abend, ebenfalls von Wert. Am nächsten Morgen um 6 aufgestanden, in Sigmaringen gefrühstückt, um 11.30 in Plochingen, wo Litt mich erwartete. Das Wetter war schön (Weg auf die Höhe), der Wein gut, der freundschaftliche Austausch ertragreich. Litt hat ein schweres Päckchen zu tragen. Aber die alte Freundschaft, nun wohl die Freundschaft meines Alters, belebte und förderte. Nach 23 zu Hause.
Sonntag 5 Stunden lang schwierige Familienfragen mit Dr. Becker (Japan) diskutiert. Gleichzeitig hatten die anstrengenden Prüfungen eingesetzt. Ich warf kurze Aufsätze hin, las eine gewaltig umfangreiche Dissertation, und machte – das Schlimmste von allem – die Steuererklärung für 1950. Außerdem lief die Briefbeantwortung immer noch fort. Es sind wohl 50 Briefe von Unbekannten – bis zu 14 jährigem Mädchen in Tempelhof [über der Zeile] gekommen. Ein Bild vom deutschen Leben und [] von
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| deutschen Blödsinn, Nörgelgeist, etc.
Da war es dann ein Lichtblick, als die Herbstzeitlosen (mit dem schönen Wort) von Dir kamen. Ich hatte gerade gedacht: diesmal habe ich noch keine gesehen – denn sie blühten wohl spät. Und nun erfüllte sich dies liebe alte Symbol durch Deine Güte aufs neue. Ich danke Dir innig.
Wenn ich durch diese schreckliche Periode durch bin, werde ich Dir wieder gesammelter schreiben. Bis Mitte Oktober hält sie wohl noch an. Heute nur noch ein paar Kleinigkeiten. Ich habe versäumt, die Federn zu bezahlen. Die 5 M, die ich beifüge, sind wohl "kein vollwertiger Ersatz." Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, deren Vicepräsident ich nun bin, scheint ein Produkt heilloser Konflikte. Wahrscheinlich komme ich in dieser Sache Ende Oktober wieder bei Dir durch. Matussek hat mit liebem Brief gedankt. Böhmschülerinnen, zum 111. Geburtstag des alten guten Böhm im Dahlemer Krug versammelt, haben mir Grüße (erwidernd) geschickt.
Ich bin zu müde um nicht zu sagen: zu überreizt, um mehr zu schreiben. Ich sage Dir nur noch Dank für die wohltuenden Stunden in Heidelberg und grüße Dich mit vielen Wünschen – auch von dem Harem – innigst. Dein getreuester
Eduard.

[re. Rand] Der Präsiden Löffler unterhielt mich die 2 Stunden bis Stuttgart. Von Tübingen an griff eine Studentenhand nach der anderen zu, um meinen Koffer zu tragen.
[li. Rand] Dank auch für lieben Brief vom 17.9.