Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. November 1951 (Tübingen)


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Tübingen, den 11. November 51
Meine einzige Freundin!
Wir sind eben von der Investition des neuen Studentenpfarrers Weymann gekommen: geborener Berlin-Steglitzer, ehemaliger aktiver Oberstleutnant.
In der letzten Zeit habe ich allerhand kleine Störungen gehabt, Hämorrhoidales, Tränendrüsenaffektion, wofür der Zug in der Kirche nicht angenehm war. Aber ich bin in der Arbeitsfähigkeit nicht sehr gestört worden und habe auch dieses (vorletzte) Semester gut beginnen können. In der Vorlesung (Phil. Kants) ist das Maximum voll besetzt; wollen sehen, ob es so bleibt.
Die Bonner Rede macht immer noch Arbeit, insofern ich einen pädagogischen Kommentar dazu herstellen mußte, der gestern fertig geworden ist.
Aus Alpirsbach kamen alarmierende Nachrichten über den Gesund
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|heitszustand von Annemarie. Die Verschlechterung war wohl durch Föhnwetter (das auch uns zu schaffen gemacht hat) mitbedingt. Aber es wird wohl einmal eine gründliche Untersuchung (hier?) notwendig sein. –
Da wurde ich von Georg Weise und Frau unterbrochen, die uns eine Sonntagsvisite machten. –
Also: in Alpirsbach herrscht auch sonst nur fauler Friede, und ich bin in Sorge, wie sich das noch entwickeln wird.
Frl. Dr. Jung in Göttingen hatte sich um eine Stelle in Oldenburg beworben. Ich – als angegebene Referenz – habe Auskunft geben müssen, ob sie christlich gerichtet sei, was nicht der Fall ist. Auch sonst sollte ich sie begutachten. Die Stelle hat sie nicht bekommen. Nun hat sie ihre Papiere zurückgefordert, und dabei hat man ihr mein Votum mitgeschickt. Das ist wohl nur Schlamperei. Aber es ist natürlich nicht angenehm, und es gibt nun lange Briefe von Göttingen
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| und nach Göttingen.
Die Geschichte von der kleinen Held bringt endlich etwas Licht in das Rätsel der Heidelberger Behandlungsmethode. Es ist das berühmte Zwischenstadium der Psychoanalyse: Bindung des Patienten an den Arzt. Wenn dies auch noch weganalysiert ist, dann ist das Verfahren zu Ende. Was dann in der Hauptsache erreicht ist, scheint auch in diesem Fall nicht viel zu sein. Ich halte das ganze psychoanalytische Treiben für ein Unwesen, gegen das man eines Tages ernsthaft wird einschreiten müssen. Es tut mir leid, das der Name v. W. nicht mehr so rühmend genannt wird, wie früher.
Gestern haben wir den 92jährigen Philologen W. Schmid beerdigt; kurz zuvor ist der 86jährige Bohnenberger gestorben. Beide waren hier sehr angesehen.
Die endlich aus Kiel etc. zurückgekehrten Hillgenbergs haben wir besucht. Jetzt ist die Tochter (Mutter v. 3 Kindern) in der Klinik. Man hört so etwas gleich mit Besorgnis.
Der Zeitungsartikel "Die Kunst
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| des Frierens" ist sehr amüsant. Wir haben aber seit einigen Tagen ungewöhnliche Wärme. Die wird wohl längst weg sein, wenn ich am 24. in Freudenstadt zu reden habe, und am 25. wird abscheuliches Wetter sein.
In 2 Stunden kommt das Ehepaar Wenke zum Tee und Sabine Lietzmann aus Berlin.
Frl. Besser, das ist leider noch nachzutragen, steht vor einer Operation. Sie ist, auch wenn alles gut geht, in der Vorbereitung der Fröbelfeier sehr gehemmt.
Mich stört das Auge noch ein bißchen beim Schreiben. Daher mache ich für heute Schluß. Ich wünsche Dir Gesundheit und – wie man hier sagt – "gute Zeit."
Mit herzlichen Grüßen von allen und ganz besonders
Deinem
Eduard

[] Zum 20. Todestage (!) Kerschensteiners sollte ich in München reden. Das habe ich absagen müssen. Es ist bei meiner Konstitution ohnehin zu viel Reiserei.