Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. November 1951 (Tübingen)


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Tübingen, den 29. Nov. 51.
Meine einzige Freundin!
Es ist mir bewußt, daß Du längere Zeit eigentlich keinen "richtigen Brief" von mir bekommen hast. Der Grund dafür ist unerheblich: es ist mir im ganzen etwas mickrig. Das äußert sich in der Langsamkeit alles Tuns, und so komme ich mit nichts so voran, wie es eigentlich sein müßte, um den sehr vielfältigen kleinen und großen Ansprüchen zu genügen. Die erhoffte eintägige Erholung in Freudenstadt zerrann in Wasser. Am nächsten Tage war ich bei einem hiesigen Privatarzt. Der behandelt nun die "Hintergründe", wie man das eben macht. Aber die Sache hat ja offenbar ihre Ursache in noch etwas anderem. Danach fragt er nicht einmal. Er ist eben kein Arzt, und zu den "Gelehrten" hier gehe ich nicht, aus sehr berechtigten Gründen.
Ich habe in diesem Herbst keinen Schnupfen gehabt, ja nicht einmal die ewig triefende Nase, die sonst ab Oktober kommt. Vielleicht liegt es daran.
Susanne hat aus Alpirsbach diesmal bessere Eindrücke mitgebracht als bisher. Hingegen habe ich mich soeben
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| in die Sache Christiane Bethmann mit einem Schreiben an das Landgericht einschalten müssen. Zu melden habe ich ja eigentlich garnichts; es ist nur die entfernte Möglichkeit, daß mein Name ein bißchen wirkt.
Neulich hatte ich vergessen zu erwähnen, daß ich hier den Besuch des Grafen York v. Wartenburg gehabt habe. Er ist ein Enkel des Freundes von Dilthey, Bruder des im Zshg mit dem 20. Juli ermordeten Grafen und guter Freund von Theo Baensch.
Die Vorlesung geht gut, das Proseminar ausgesprochen schlecht.
Am 5. Dezember habe ich wieder eine kleine Rede in Stuttgart zu halten. Am 2. Dezember haben wir Orje mit Frau und ein anderes Ehepaar eingeladen. Eigentlich mögen wir ihn nicht. Aber er gibt sich als sehr bedacht auf guten Verkehr.
Wenn alles gut geht, komme ich am 13.XII nachm. wieder durch Heidelberg und kann vielleicht sogar 2–3 Stunden bleiben. Sorge dafür, daß Du dann weder einen verhungerten noch einen erfrorenen, sondern einen "brillanten" Eindruck machst.
In Freudenstadt – ehemals Bubenhöferschem Krankenhause – haben wir noch den guten Dr. Amann besucht, der eine <re. Rand> sehr schwere Magenoperation bis dahin ganz gut überstanden hatte.
Ich gedenke Deiner täglich und grüße Dich innigst. Auch "die anderen" grüßen.
<li. Rand>
Stets Dein
Eduard.

[Kopf] Mit Frl. Dr. Jung alles in Ordnung. Von der kl. Held nicht zu sehn.