Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Dezember 1951 (Tübingen)


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Tübingen, den 22.XII.51.
Meine einzige Freundin!
Die vorweihnachtlichen Tage mit ihrer für unsre Zeit charakteristischen Unruhe sind da. Wir beide haben seit jeher den Versuch gemacht, uns aus dem Lärm der Welt herauszuhalten. Es glückt mir von Jahr zu Jahr weniger. Allenfalls kommt einmal eine Stunde des intensivsten "Sympathisierens" mit Dir. Dann rasselt die Maschine weiter.
Ich will nicht sagen, daß, indem ich dies schreibe, dieser erwünschte Zustand schon da ist; er kommt später einmal, und dann wirst Du den vollen Kontakt gewiß spüren. Vorläufig ist um mich herum Papier, Papier, und darauf beruht ja unsre "Kultur"!
Heute Vormittag war Heidelberger Besuch da: Herr Schmeil. Er brachte unerwartet seine Frau mit, die geistig mehr ist als er. Dann setzte er sich mit epischer Breite fest. Nun – meine "Geschäfte" hängen ja stark mit den
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| seinen zusammen; man muß es sich gefallen lassen. Ich habe ihm wieder mitgeteilt, daß die Heidelberger Buchhändler meine Sachen nie haben.
Ein Schatten liegt für mich über dem Fest: der alte Forstmeister Faber in Lüneburg ist gestorben (dessen Frau von Scholz konfirmiert ist.) Er ist 90 Jahre alt geworden, und das Leben wurde ihm schwer, als auch der Geist in ihm schwächer wurde. Er war mir ein wirklicher lieber Freund, seitdem er einmal nach einer Vorlesung in der Dorotheenstr 6 aufgetaucht war. Er hat mit echter Wärme des Herzens an allem, was mich betraf, teilgenommen, wie ich es nur selten erfahren habe. Sein Bild leuchtet in mir mit ganz hellem Glanz. Einen so gütigen, geistig lebendigen Menschen werde ich in meinem Leben kaum noch einmal finden. Der Friede hat Ihn, den Leiderprobten, in sich aufgenommen. –
Seit unsrer Begegnung, war eine Zusammenkunft im "Kaiser", bei der Speidel sprach. Er war nicht so
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| packend wie sonst. Gott sei Dank ist die Drohung mit der Europa-Armee wohl wirksamer, als sie selbst im Ernstfall sein würde.
Gestern habe ich mir, gemäß Deinem Befehl, von dem Dr. Wagenhäuser den Beutel über dem Auge entfernen lassen. Du wirst mich das nächste Mal schön wie einen Adonis finden.
Christianchen ist bei Holzhausens und ist dort glücklich wie früher. Nur die Juristen haben noch etwas – man bekommt nicht heraus, was eigentlich? Aber die Baronin ist eine so Gott- und Liebebegnadete mütterliche Natur, daß man immer wieder tief dankbar ist für diese Schickung – nachdem die Eltern des Kindes vor 2 Jahren Opfer des Nebels geworden sind. Frau Biermann hilft mit rührender Treue mit.
Susanne sagt, daß die "kleine Held" eine eigene Zeichnung geschickt habe. Es ist auch sonst manch Liebes eingetroffen, worunter mir immer am liebsten ein Wort von Menschen ist, denen ich zufällig einmal helfen konnte. (z. B. der Dichter Griese)
2 Manuskripte habe ich gestern u. heute bewältigt. Darunter das merkwürdige vom alten Grafen York v. Wartenburg,
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| denn Freunde Diltheys. So schlingt sich ein Band von 1901–1951!
Am 24.12. werden wir en famille (incl. Tiroks) sein. Die arme Ida ist schwer erkältet. Ich werde nicht in die Stiftskirche gehn, nicht, weil mir diese Gemeinschaft nichts wäre, sondern weil mein Weg zu Gott in der Höhe anders geht. Und das wird jener im Anfang erwähnte Moment sein.
Am 2. Feiertag Nachm. kommen Rothfels und Frau (Historiker, von Chicago hierher berufen, edelster Charakter,) und Wenkes. Am 4. Feiertag kommt vielleicht ein Oststudent aus dem ehemaligen Kreise Frau Götze und Marianne Püschel, geb. Götze, von der ich nicht weiß, ob sie noch lebt. Sonst steht noch nichts fest außer dem Plan, einen Tag in die Natur zu fahren. Es ist hier jetzt herrliches, mildes Sonnenwetter. Bis dahin wird es ja anders sein.
Also: ich werde mit Dir unter dem Tannenzweig vor Ahlborns sein. Der Worte sonst bedarf es nicht; sie wären ja auch unfähig, zu sagen, was ich meine. Beglückende Weihnacht – das wünschen wir alle hier Dir!
<re. Rand>
Dein Eduard.