Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Dezember 1951 (Tübingen)


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Tübingen, den 29.XII.51.
abends.
Meine einzige Freundin!
Bald werden wir den neuen Kalender unsren Tagen zugrunde legen müssen. Du hast ihn mir wieder mit rührender Mühe geschmückt. Ich sehe ja nicht nach der künstlerischen Vollendung – obwohl ich nicht wüßte, was daran fehlen sollte. Mir spricht daraus die Herzensverbundenheit durch nun fast ein halbes Jahrhundert hindurch. Das will in diesen Zeiten etwas sagen: daß es uns vom äußeren Schicksal vergönnt war und daß das innere Schicksal uns immer diesen Weg tiefer Harmonie geführt hat. Übrigens weiß ich nicht, wo ich die gewählten Worte geäußert habe: erst in der "Magie der Seele" oder im "Sokrates" (Schönwald) oder schon früher?
Dein liebes Bild ist gewiß noch ähnlich und könnte sich in jedem Passe sehen lassen. Im Alter aber prägt sich das Charakteristische immer schärfer aus. Die Nase tritt mehr
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| im Ganzen des Gesichts hervor. Ich bin aber nie ein Physiognomist gewesen. Meine Anlage fürs Optische ist geradezu unternormal.
Dein festlicher Kaffee war hoffentlich hübsch. Hier wollte keine besondere Stimmung aufkommen. Ida hat sich mit einer wahrhaft furiosen Erkältung plagen müssen und ist sie noch nicht los. Susanne hat davon wohl etwas geerbt und ist seit 3 Tagen nicht ausgegangen. Ich bin stattdessen mit dem Briefschreiben, Dissertationen und kleinen versprochenen Manuskripten beschäftigt. Unerfreuliche Pflichten! Nur die Lektüre für den Japanvortrag (doch eine völlige Bagatelle) bringt hübsche Erinnerungen wieder herauf. (Am 1.I. wird ein Leitartikel von mir in Yomiuri Shimbun stehen.)
Der – nach meinem Eindruck recht üppige Kaffee mit Wenkes, Rothfelsens und der uns sonst unbekannten Schwester von Rothfels, Frau Wedemeyer aus Kassel, blieb etwas lahm, Alle
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| waren wohl zu ermüdet vom üblichen vorweihnachtlichen Betrieb. Seitdem habe ich den "Briefdruck" – wie ein Fieber – durch unausgesetztes Schreiben und Diktieren schon erheblich gesenkt. Man muß nur beachten, daß der eigentliche "Neujahrsstoß" ja noch garnicht da ist.
Ich lese jeden Abend ca 20 Seiten in dem Comeniusroman von Hans Künkel, den ich schätze: "Das Labyrinth der Welt" und darf hoffen, ihn "noch in diesem Jahr" zu bewältigen. Die Geschenke sind zur Hauptsache natürlich Bücher. Nur 3 ziehen mich an: ein kleines Heft mit Kokusaibildern (Besser), ein noch kleineres: Waiblinger, Leben Hölderlins (Ackerknecht), und ein großes Bilderwerk "Europa", das man mir für meinen Beitrag zum Hochschulführer geschenkt hat. Gute Zigarren sind natürlich auch ein willkommener Genuß.
Ich habe heute bei schöner milder Sonne allein einen Halbtagsausflug gemacht. Bis Bieringen, Station hinter Bad Niedernau, bin ich gefahren, dann
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| eine Stunde Neckaraufwärts auf der menschen- und wagenleeren Landstraße gegangen. Einen Waldweg rechts aufwärts wählte ich aus Instinkt und kam nach dem angestrebten stolzen, eindrucksvollen Schloß Weitenburg (mit großer Landwirtschaft.) Du mußt Dir das 5 km vom Bhf Eutingen denken. In der "Schloßwirtschaft" gab es nichts. So ging ich auch die 3. Stunde noch hinunter nach Eyach und war früh zu Hause (13¼–18¼, davon 3 Stunden auf den Beinen.) Anfangs geht es immer schwer. Oben hilft schon die Luft. (550 m.)
Nun ist der Bogen bald zu Ende und ich komme doch erst zum Thema: meinen innigsten Wünschen für 1952, mit denen ich Dich zum Silvesterabend besuche und über die Schwelle zum neuen Jahr geleite. Aber ich sage dazu garnichts Belangvolles. Es widerstrebt mir, einen äußeren Einschnitt so zu accentuieren. Ich denke immer an Dich und meine Gefühle für Dich sind immer die gleichen. Nur ein Dankbrief soll dies sein, und das könnte auch jeder sein. Susanne und Ida gratulieren herzlich. Ich bleibe
AEI Dein Eduard.

[li. Rand] Von der kleinen Held kam eine selbst gemalte, in der Tat ästherische Christrose. Sage auch Du ihr, daß sie mir Freude gemacht hat.