Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Januar 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Januar 1951.
Mein liebes Herz!
Nun habe ich zum erstenmal die neue Jahreszahl geschrieben, in der uns allen viel Dunkelheit verborgen scheint. Aber wir haben ja ein gemeinsames Leitmotiv, das durch all unsere Erlebnisse hindurchklingen wird. Das ist mir in aller Unsicherheit Trost und Verpflichtung. – Heut sollte eigentlich eine persönliche Aussprache zwischen uns stattfinden, aber es war doch gut, daß Du sie verschoben hast. So konntest Du hoffentlich mit größerer Ruhe die Pflichten menschlicher Teilnahme in dem großen Kreis Deiner Beziehungen erfüllen, wie es Deine Treue und Gewissenhaftigkeit erfordert. Ich wünsche wohl manchmal, daß Du es damit ein wenig leichter nehmen möchtest, wenn ich sehe, wie diese Last Dich bedrückt. Aber dann muß ich doch wieder denken: Du wärst nicht Du, wenn Du das könntest, und ich fühle Dich im dankbaren Herzen. Denn Dankbarkeit
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| gegen die Lenkung des Lebens ist das, was mich in diesen Tagen der üblichen Fest- und Besinnlichkeits-stimmung bewegt. – Ich war viel allein, aber ich bin ja nie einsam, auch wenn eine erhoffte Zusammenkunft nicht stattfinden kann. Und mir scheint, ich hätte noch besonderen Grund zur Dankbarkeit, daß jetzt eine halb unbewußte Hemmung in unserm gemeinsamen Dasein fortgefallen ist.
Auch der Himmel findet das Verschieben gut, denn es ist ein naßkaltes Wetter, das nicht für einen Aufenthalt im Freien einladend wäre. Denkst Du noch an die gefrornen Regenschirme in Coburg? – Ich erwarte übrigens von Mühlacker keine Sehenswürdigkeiten, ist mir doch das Äußere immer nur Hintergrund. Und so hoffe ich auf alle Fälle, daß uns ein Gelingen beschieden ist.
Heut nur noch viel gute Wünsche und herzlichste Grüße! Dir und Susanne.
Deine
Käthe.

[li. Rand] Auf Wiedersehen am 6.I. um 11.12