Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Januar 1951 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 14.I.1951
Mein liebes Herz!
Wie froh war ich über Deine Karte vom 10.I, die mir sagte, daß Du das etwas gewagte Unternehmen ohne Schaden überstanden hast. Ich war doch etwas besorgt, daß die lange Wanderung durch den nassen Schnee, die Dir offenbar etwas beschwerlich war, Dir einen Rückfall der Sache vom 1.I. zugezogen hätte. – Es ist ja überhaupt allerlei Beschwerde im Leben, ganz abgesehen von der allgemeinen Weltlage. Alles, wovon Du mir gesprochen hast, bewegt meine Gedanken dauernd. Vor allem beschäftigt es mich, daß Du glaubst, nicht das entsprechende Verständnis für Deine Vorlesung zu spüren. Das ist aber vielleicht ein Irrtum, denn es handelt sich doch dabei um die Lebensfrage unsres Volkes.
[2]
| Wenn es manche über der engen Begrenzung des möglichst schnellen Berufsstrebens nicht spüren sollten, so wird es ihnen sicher durch Deine Vermittlung noch bewußt werden. Vielleicht hast Du auch jetzt nach den Ferien schon bessere Eindrücke. Es liegt wohl auch bisweilen an uns, daß wir den Kontakt nicht fühlen. – Das ist mirs tröstlich, daß Du vom Seminar befriedigt bist!
Ob sich in der Angelegenheit Deiner Schwägerin irgend etwas geändert hat? Heute bekam ich von Anna Weise zum erstenmal etwas genauere Auskunft über das Verschwinden von Adolf. Man hatte mehrmals nach ihm gefragt, ohne daß der Betreffende ihn antraf. Da ging er selbst auf das Büro, und kam nicht zurück. Die Frau, die vergeblich wartete, fragte auch auf dem Büro nach ihm und wurde nachdem sie eine Stunde in einen dunklen Keller gesperrt war, wieder auf die Straße
[3]
| befördert. Von Adolf hat man nie etwas gehört. Die Witwe hat zwei gut veranlagte Kinder, lebt im amerikanischen Sektors von Berlin. Sie ist Anna eine sehr liebe Schwiegertochter. – Es ist eben ein Wetter, daß man wirklich trübsinnig werden könnte. Aber im Grunde ist es günstig, daß der prophezeite Frost noch ausbleibt, denn mit der Kohlenbelieferung ist es sehr mangelhaft. Heut habe ich Holz bekommen, aber es ist sehr naß. Zum Glück ist noch trocknes auf dem Speicher und das neue kann erst etwas trockner werden. – Meine Freunde helfen auch mit Kohlen aus. Frau Her. hat Eierbriketts, die bei ihr nicht brennen, da bin ich fürs erste versorgt und beim Händler soll auch demnächst wieder eine Lieferung eintreffen. – Mutter und Tochter Heraucourt waren gestern, Sonntag zum Kaffee bei mir, und die Zeit ging sehr nett hin mit Betrachtung der Goethezeichnungen und allerlei Skizzen von mir. – Am Donnerstag war ich auch wieder bei Frl. Held. Sie erzählte, daß
[4]
| Prof. Siebeck erlaubt hatte, daß sie mal im Freien war. Aber jetzt sei Dr. Wilken, der verreist war, wieder da und sie habe keinen Mut, ihn um Erlaubnis zu bitten, denn sie bekäme davon "dicke Füße". Demnach ist sie also wohl herzkrank. Hast Du die kleine Zeichnung von ihr bekommen? Am besten war das Erste, was sie machte, ein Efeublatt. Aber alles ist eigentlich geisterhaft, so gewissermaßen "die Idee" der betreffenden Pflanze. – – In meinen Produkten ist doch etwas mehr Leben; aber wenn ich so einen kleinen Rückblick darauf werfe, wie gestern, dann erscheint es mir doch recht ärmlich. Gut, daß ich zur nützlichen Verwertung überging. Wenn sie nur auch jetzt noch Nutzen bringen wollte! –
Liebes Herz, verzeih die mancherlei Schreibfehler, ich bin etwas müde und möchte doch heute noch den Zettel zur Post bringen. Ich habe
[5]
| recht fleißig gehandarbeitet, endlich auch den zweiten Handschuh fertig gestrickt: Und noch immer bin ich nicht mit der nötigen Briefschreiberei durch, während auf die erledigten Sachen bereits Antwort kommt!! So sei nachsichtig, Du Lieber, und nimm den Willen für die Tat. Es ist so mancherlei Unausgesprochenes, was mich in stillen Stunden bewegt, es wird auch ein andermal mit dem Schreiben besser gehen.
Heut aber will ich nur noch viel herzliche Grüße sagen für die "Belegschaft" und den lieben Chef. Immer in treuem Gedenken
Deine
Käthe.