Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Januar 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. Januar 1951
Mein liebes Herz!
Dein lieber Brief hätte eine geschwindere Antwort haben sollen, aber diese ganze Woche war von der mühsamen Zeichnerei in Anspruch genommen. Ich habe mich recht damit geplagt und es kam mir zeitweise der Gedanke, daß ich nun doch vielleicht schon zu alt für diese Arbeit sei. Aber wie immer mit solchen Stimmungen geht es auf und ab. Es ist eben ein Fehler, daß solch Auftrag so selten kommt, daß allein schon der Farbkasten völlig eintrocknet. Und auch die Gewandheit der Technik rostet etwas ein. Dazu ist das, was gemalt werden soll, sehr verschiedenartig aufzufassen. Jeder der Herrn sieht die Sache etwas anders, und womöglich bei jeder neuen Beobachtung. So erklärte Herr Prof. Engelking mir am Donnerstag abend zu meiner Erleichterung beim Abliefern der Zeichnung, er sei zufrieden. Und am
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| Freitag wurde ich wieder hingerufen, er wolle am Patienten noch einmal kontrollieren und da stellte sich heraus, daß die dunklen Flecke, die man bisher für Pigment gehalten hatte, durchscheinendes Blut sein sollten. Damit wäre eigentlich die bisherige Arbeit (von 16–20 cm) erledigt. Ich habe sie aber, wie er auch anordnete, nicht abgeändert, sondern von der wichtigsten Stelle einen Ausschnitt neu gemalt, und hoffe morgen damit seinen Beifall zu erringen.
Aber meine Tage waren eben von früh bis spät auf roten Augenhintergrund eingestellt, und zwischendurch war ich zum Umfallen müde. Ich war auch manchen Tag zweimal in der Stadt, aber ich glaube, ich bin wieder ganz gelenkig dabei geworden, denn ich hatte mich schon garzu sehr gewöhnt, still zu Haus zu sitzen. Allerdings immer mit irgendeiner Arbeit, aber doch mit Behagen! So bin ich also am Ende ganz zufrieden, wenn nur die Arbeit jetzt wirklich genügt.
Zu der kleinen Patientin bin ich diesmal
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| nicht gekommen. Aber ich möchte doch mal bei Dir anfragen, ob nicht etwa für sie auch eine Kur in Reutlingen bei Dr. Recknagel zu empfehlen wäre? Hanne Héraucourt ist wieder derartig tatkräftig und unternehmend, daß man nur staunt. Ich glaube, dieser Arzt hat durch seinen natürlichen Einfluß das, was die Tiefenpsychologen mit allerlei künstlichem Erforschen nicht erreichen. – Man möchte doch diesem zarten Menschenwesen womöglich zu einer gesunden Existenz verhelfen, sie wäre es doch wert.
Wie wenig kann man überhaupt einem andern helfen! Da denke ich auch besonders an Susannes Schwester. Wie sollte sich diese Ostpreußin in Süddeutschland zurechtfinden? Aber gibt es denn eine Existenzmöglichkeit dort in Potsdam überhaupt für sie? Was Du über Deine Ansicht von der Möglichkeit eines Besuchs von Susanne dort schreibst, entspricht ganz meinem Empfinden. Ich habe sofort mit Sorge an eine Berührung mit der Ostzone gedacht; man hört da von Unsicherheit
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| wie sie bei uns undenkbar wäre. Aber ich traue Susanne zu, daß sie die Situation klug zu bewältigen versteht. Schon um Deinetwillen!
Die Multiple Sklerose bei meiner Nichte wird jetzt nach der Methode des Dr. Evers in Hachen bei Arnsberg, (Westfalen) behandelt und scheinbar mit Erfolg. Er hält die Krankheit für eine Wirkung der unzweckmäßigen Ernährung, in der manche Naturstoffe fehlen. – Du weißt ja, die Mekka in Wilh. H. war alt bei der Krankheit geworden. Es kommt wohl darauf an, ob der Mensch sich schonen kann. Die Symptome kenne ich gut, und schöpfte darum gleich beim ersten Auftreten davon Verdacht bei Irmgard.
Ob Du heut einen Ausflug machen konntest? Bei uns war bedeckter Himmel, aber lockeres Gewölk. Ich habe nur im Wahllokal meine Stimme für d. FDP abgegeben und später Frau Dr. Bleßgen besucht. Und jetzt gehe ich noch an den Briefkasten und dann ins Bett! Zum Lesen komme ich eben garnicht; und meine Augen brauchen auch Schonung. Ich grüße herzlich, wer nach mir fragt! Dir wünscht viel Gutes und Freundliches mit innigen Grüßen
Deine
Käthe.