Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. Februar 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6.II.1951
Fastnachtsdienstag
Mein liebes Herz!
Ich hatte es so im Gefühl, daß Du mir wieder schreiben würdest, und da war es nicht so schlimm, daß ich am Sonntag nicht zu dem üblichen Brief kam, sondern den Deinen erst abwarten konnte. Über zwei Wochen hatte ich mich mit der schwierigen Arbeit abgeplagt, und am Sonntag wurde ich dann glücklich und erfolgreich fertig. Eine Spezialstudie von einem Ausschnitt habe ich für mich zurückbehalten, die ich Dir gern mal zeigen möchte. Mir scheint sie noch besser zu sein, als das als gut genehmigte große Blatt. Du hast sehr recht, daß es immer ein Gewinn ist, etwas zu "müssen", aber es kann auch quälen, wenn man meint, es ginge über die Fähigkeit. Es ist mir eine wohltuende Erfahrung, daß es diesmal noch nicht der Fall war und
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| ich freue mich sehr, daß nun gleich noch zwei derartige Arbeiten angesagt sind, außer dem Zeichnen von Präparaten für Prof. Schreck. Ich vertraue darauf, daß mir jetzt die erneute Übung zustatten kommt. Nur hat es mich sehr ermüdet, und ich habe jetzt ein paar Ruhetage eingeschoben.
Daß der Himmel heller war, empfand ich sehr nützlich, und außerdem freute es mich für Dich, da Du dabei hoffentlich manchmal an die Luft kamst. Das mit der Platane ist wie so oft ein wenig bedeutungsvoll, wie ja überhaupt je älter man wird, der besinnliche Mensch immer mehr "Wunder" sieht. Da ist eine sehr wohltuende und erregende Lektüre das Buch von Wiechert, die Missa sine nomine. Das ist ein wundervolles Gegenstück zu dem katholischen Lied der Bernadette. Ich habe es von Frau Buttmi geliehen und lese es mit Andacht. Es
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| entfaltet sich darin so geheimnisvoll, was Du – was wir! – die innerer Stimme nennen. Und so wollen wir weiter der Bestimmung vertrauensvoll folgen, die uns lenkt. Wenn jetzt das Lehramt Dich nicht mehr in dem Maße fesselt, wie früher, so wirst Du Dich ungestört der eignen Arbeit widmen können, dies Buch, in dem Du Dein "akademisches Vermächtnis" sichtbar hinterlassen kannst. Du hattest Dich in diese Wendung des Lebens doch in Berlin schon einmal hineingefunden. Denn notwendig ist Dein Werk, Deine Philosophie, gerade weil sie "persönlich gefärbt" ist. Sie wird immer den ehrlich Suchenden auf ihrem Wege helfen.
Auch hier war die Fastnachtsstimmung Trumpf, und heute sogar in Rohrbach Umzüge mit viel Radau. Die Schulen sind (aus Kohlenersparnis!) von Montag bis Mittwoch frei. Übrigens heißt es aber, ich soll morgen Briketts und im Laufe
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| der Woche noch Anthraciteier bekommen. 2 Ctr. Holz liegen noch teilweise im Keller, also zu frieren brauche ich nicht. – Wenn ich nur auch schon den Stoff für ein sehr nötiges Winterkleid gekauft hätte. Ich bin so ungeübt im Kaufen, und es soll doch so praktisch wie möglich sein.
Als ich zuletzt bei Frl. Held war sprach sie von Schwierigkeiten, allerlei Schmerzen und daß sie mit dem Dr. Wilken sprechen wolle, aber sich fürchte. Also ist da doch vielleicht eine Krisis. Ich denke, am Donnerstag wieder hinzugehen. – Daß ich durch Hérancourt's veranlaßt, an Dr. Recknagel dachte, kam daher, daß er offenbar die starke suggestive Kraft eines echten Arztes hat, und vielleicht diese matte Seele in Bewegung bringen könnte.
Die erneuten Sorgen bei Honigs haben mich recht beschäftigt. Was kann diese Tante Bethmann veranlassen zu solchem Schritt? Und warum dann nicht früher? Es ist traurig, wenn ein Kind zum Streitobjekt wird. Ich will womöglich
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| auch noch an Susanne schreiben.
Fragen wollte ich noch, seit wann die Nachrichten über Hertz fehlen? Du hast es früher mal erwähnt, ich dachte aber, das bezöge sich nur auf Euch direkt und nicht, daß er verschollen sei. Wie traurig ist die Welt! Und eigentlich kann niemand dagegen helfen. – Dabei fällt mir denn auch das gute Gretel Schwidtal ein, die seit der Vertreibung aus dem Kinderheim im Riesengebirge, wobei sie auch ihre persönlichen Ersparnisse verlor, nirgend wieder Fuß fassen konnte. Ich habe persönlich so günstigen Eindruck von ihr, und auf dem Heuberg schätzte man sie, mehr als das Frl. v. Tadden. Könnte man nicht das Frl. Erika Hoffmann für sie interessieren? Gretel hat zu ihrer Kindergärtnerinnenausbildung jetzt auch noch Schwesterkurse genommen.
Du schreibst von bedeutungsvollen Träumen Eurer Ida. Gerade damals hatte ich auch sehr
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| unruhige Nächte, und ich neige dazu, dabei an kosmische Zusammenhänge zu denken. Ich wachte ein paarmal vor Entsetzen auf, und es wurde mir erst allmälig klar, daß ich nur geträumt hatte. Aber jetzt schlafe ich wie ein Sack! obgleich mich tagsüber die Zeichnerei recht gequält hatte.
Euer Programm vom 9.–12.II. ist ja sehr reichhaltig. Mir steht am 12. der eine Patient bevor, der andre ist noch unbestimmt.
Außerdem habe ich so viele gute Absichten zu persönlichen Verpflichtungen, die erledigt werden müssen. Aber ich komme nie durch, und es ist doch manches Wichtige dabei.
Wegen den angeblichen "Schuld" mache Dir ja keine Sorgen, ich habe mehr als 4 Monate in Reserve und kann gut warten, bis wir uns sehen auf Deiner Frühlingsreise zu den Vorträgen am Rhein. In inniger Liebe grüßt Dich
Deine
Käthe.