Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12./14. Februar 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12.II.1951.
Mein liebes Herz!
Gestern war es sieben Jahre seit dem Tod vom Vorstand. Es ist mir immer ein stiller Vorwurf, daß ich sie eigentlich nie vermißt habe. Aber ich denke mit Dankbarkeit an sie, denn sie hat es im Grunde gut gemeint. Und sie hat es gut gehabt, daß sie den Zusammenbruch nicht mehr erlebte.
Bei mir ist augenblicklich etwas Ebbe. Ich bin sehr viel müde und garnicht tatendurstig. Heut sollte ich eigentlich mit Buttmi's in den Vortrag vom Kultusminister Schenkel über Gandhi, aber ich war nachmittags bei der Arbeit für den neuen Augenhintergrund und das war mir genug. – Weil das so nahe dabei ist, ging ich vorher in die Krehlklinik, traf aber die Patientin nicht an. Sie sei, seit acht Tagen etwa, viel spazieren gegangen
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| hieß es, Patienten und Schwester waren unzufrieden, da sie zu lange ausbliebe und sich zu sehr ermüde. Dann äße sie nicht, wie sie sollte. Als ich auf dem Rückweg noch mal vorbeiging, war sie, um ½ 6, noch nicht zurück. Man wird da nicht klug draus.
Mir ist, als hätte ich sehr lange nichts von Dir gehört, aber das ist wohl eine recht subjektive Vorstellung. Zum Teil kommt es wohl daher, weil so mancherlei ungelöste Fragen bestehen, die man gern mündlich geklärt hätte. Aber sehr wahrscheinlich sind sie ja so verworren und nicht zu lösen; sondern man muß es sich entwickeln lassen, sowohl in Potsdam wie in Frankfurt. – Auch von hier kann ich für Susanne noch nichts Neues melden, da ich nicht ins "weiße Haus" kam. Es fehlte mir zu dem weiten Weg die Energie.
Nicht einmal zu zusammenhängender Lektüre komme ich. Ich scheue mich, etwas Größeres anzu
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|fangen, nachdem ich jetzt das Wiechertsche Buch zuende las. Es ist eine sehr feine Menschenschilderung darin, aber auch ein müder Ausklang. Eine prachtvolle Natur ist dieser Christoph, und alle drei Brüder sind in ihrem Wesen fabelhaft anschaulich geschildert. Und wundervoll wie sich in Amadeus die Wandlung zur Versöhnung mit dem Leben vollzieht. Weil in ihm selbst die Güte siegt!

14.II. Also den Ehrendoktor hat sich unser Bundespräsident bei Euch geholt! War es eine nette Begegnung mit ihm?
Bei mir ist schon wieder der Augenspiegel Trumpf und die Schwierigkeit beschäftigt mich Tag und Nacht. Der Haken in der ganzen Sache besteht darin, daß ich keine wirklichen Kenntnisse habe, sondern nur gelegentliche Eindrücke, und daß die Übung in der Technik durch die langen Pausen zwischen den Aufträgen verloren geht. Die letzte Arbeit glückte ja wieder,
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| so hoffe ich auch diesmal alles Gute!
Sehr viel denke ich mit Verlangen an Deine Vorlesung. Gäbe es doch eine Möglichkeit, sich als Fernhörer anzuschließen! Ich brauchte so nötig die Stärkung des Glaubens an den allgemeinen Sinn des Lebens! Am persönlichen zweifle ich ja nicht, wenn es auch öfters an der Erfüllung des Erstrebten fehlt.
Nun nimm für heute mit diesem Zettel vorlieb und sei von Herzen gegrüßt. Ich wünsche Dir Gelingen der selbstgestellten Aufgabe und frische Kraft aus erfeulichem Wandern in frühlingsverheißender Natur.
Grüße Susanne, an die ich mit lebhaftem Anteil denke, und auch Ida.
Immer Dein gedenkend
Deine

Käthe.