Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. März 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1.III.1951
Mein liebes Herz!
Wenn ich nicht will, daß sich mein Schreiben ins Endlose verzögert, muß ich versuchen morgens vor der Arbeit im noch schlecht geheizten Zimmer den längst mit Ungeduld beabsichtigten Brief zu schreiben. Wie soll ich Dir nur erklären, daß es bisher unmöglich war, die herzliche Freude und Dankbarkeit zu äußern, die all die lieben Zeichen Deines Gedenkens in mir weckten. Im voraus kamen die Drucksache und das Geld, am Samstag mit vorbildlicher Pünktlichkeit der liebe Brief und alles wurde gewissenhaft bis zum Sonntag aufbewahrt. Nur in den Brief blickte ich so obenhin, ob das Mißbefinden vorüber sei? Es war nicht mehr davon die Rede, aber eine gewisse Mißstimmung ist geblieben, die mich bekümmert. Es kommt mir vor, als hätten wir beide eben eine Zeit, in der wir von Pflichten absorbiert würden, die uns eigentlich nicht ausfüllen. Denn auch bei mir ist die Berufsarbeit
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| eben so lebhaft, daß sie meine Spannkraft erfordert. Möchte nun bei Dir ein erfreulicher Semesterabschluß etwas Erleichterung gebracht haben! –
Ich bin so gespannt, was das "neue Buch" enthalten wird! – Wo übrigens ist von Dir eine Besprechung Wiechert's erschienen? – Den Artikel über die Berufsfragen habe ich mehrmals mit innerer Erregung gelesen. Welch weitwirkende Problematik und Sorge liegt darin! –
Entzückt bin ich von dem Goethe-Kalenderchen, und habe mir gleich meinen Spruch gesucht, der recht zutreffend anfing, aber mit dem Schluß bei meiner Abstinenz beinah komisch wirkt, als sollte ich mich hüten, daß die zwei Flaschen Rotwein[über der Zeile] !, die ich geschenkt bekam, (von Frau Heinrich und Elsbeth Gunzert), mich nicht zum Trinker machen. – Ich habe eine davon gleich am 25. abends mit Hedwig Mathy zu gutem Tee als Glühwein probiert! Der 25. war überhaupt aus dem gegenwärtigen Betrieb völlig herausgehoben.
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| Es war auch abgesehen von Euren Briefen viel Post gekommen, und es kamen kurze Besuche, schon Freitag und Sonnabend, mit Blumen, sodaß mein Zimmer noch immer wundervoll farbig ist. Zum Kaffee waren dann Hérancourts, Frau Heinrich, Frau Buttmi, und H. Mathy da. Es war eine harmonische Stimmung und alles klappte nett. Auch Trudel Nitsche brachte mir eine hübsche Hyazinthe und Dr. Drechsler schrieb einen sehr liebenswürdigen Brief. – Zwei kleine Bücher bekam ich, von G. Schenkel: "Kirche, Sozialismus, Demokratie", und Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler v. Müller. (Fr. B. – u. Frl. Seidel, die irgendwie mit ihm verwandt ist (natürlich mit Müller!)) Es tut mir leid, daß Schenkel nicht angenehm sein soll. Ich hatte nach dem Zeitungsbericht über seinen hiesigen Gandhi-Vortrag den Eindruck, als wenn er ein weltoffener Theologe ohne dogmatische Enge und als Sozialist von zeitgemäßer Wirkungsmöglichkeit sei! – Von Hermann kam ein nettes Bild der kleinen Familie unter dem
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| Tannenbaum. – So ging der Sonntag rasch vorbei und am Montag machte ich die jetzt üblichen Patientenbesuche in der Klinik und wollte bei Frl. Dr. Clauß meinen neuerdings verknaxten Fuß beurteilen lassen. Sie war krank, und die Sprechstundenhilfe wies mich an einen Orthopäden. Ich hatte von vornherein keine Neigung, und natürlich wurde ich zu andrer Zeit wieder hinbestellt, da die Sprechstunde schon zuende war, dazu habe ich aber keine Zeit und ich begnüge mich mit möglichst kunstgerechten Wickeln.
Am Dienstag nämlich rief mich vormittags die Augenklink an, und ich mußte schon um ½ 3 dort sein, nicht um das angefangene Bild fortzusetzen, sondern die Schwester des vorherigen Patienten neu zu skizzieren, die das gleiche Leiden hat, und dann auch noch die Mutter, die überhaupt nicht stillhalten wollte. Es war eine Tortur.
Gestern war ich dann wieder bei der angefangenen Sache, aber die Schinderei hat mich recht
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| angestrengt und so war ich nicht mehr imstande zu schreiben. Es ist ja gut, daß meine Schlaffähigkeit unbegrenzt ist, aber so geht die gute Zeit ungenützt vorüber und mein Verlangen nach der gewohnten Mitteilung von mir zu Dir wird zu unerfüllbarer Sehnsucht. Da ist es ein rechter Trost, daß Du mir für den April ein Wiedersehen in Aussicht stellst. Möge ein guter Stern darüber leuchten, wie es mich ja überhaupt als ein freundliches Zeichen berührt, daß mich wieder ein Kalender von Dir in dieses achtzigste Lebensjahr hinein begleitet.
Habe innigen Dank für alles Liebe, was diese äußeren Zeichen mir wieder sagten. Daß ich da irgendw[über der Zeile] elche Nachsicht zu üben hätte, ist absolut nicht der Fall, nur umgekehrt kann davon die Rede sein. Daß Deine Mitteilungen einen gewissen Druck verraten, läßt mich nur mitfühlen, daß Du nicht die
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| erwünschte Spannkraft und Frische hast, die Du brauchtest. – Wann beginnt denn das neue Rektorat? Wie stehst Du mit Thielicke? Worin macht sich die Wirkung von Erbe noch fühlbar?
Es tut mir einerseits leid, daß ich Dich mit dem Anliegen von Gretel Schwidtal behelligte. Aber es würde mich doch für das wirklich sehr liebe Mädel freuen, wenn ihr Deine Vermittlung wieder aufhelfen könnte. Denn ich glaube, daß wirklich besonders ungünstige Umstände sie aus der Bahn warfen.
Aber jetzt muß ich doch für heute Schluß machen, denn ich muß noch die Arbeit für heut nachmittag vorbereiten. Zum Glück brauche ich das Essen heut nur zu wärmen! Aber der Augenhintergrund muß angelegt sein. Darum nur noch vielen, vielen Dank, auch für Susannes Brief. Und wie immer treu sorgende Wünsche für Dein Ergehen und innige Grüße von
Deiner
Käthe.

[li. Rand] Eben sind wieder Anthracit-Eier gekommen. Auch der Ofen gibt jetzt warm!