Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. März 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. März 1951.
Mein liebes Herz!
Wie magst Du den heutigen Sonntag verlebt haben? Ob er bei Euch ebenso sonnig war wie hier? Ich hoffe es, und hoffe, daß er Dich irgendwo ins Freie führte. – Ich habe bei guter Heizung im Zimmer zugebracht, fleißig an der Arbeit. Ich bin mit der Sache jetzt einigermaßen in Ordnung und fühle mich so ziemlich Herr der Situation, seit die dritte Arbeit dieser Hintergrundserie nach Wunsch gelungen ist. "Ich bin sehr zufrieden", hat der hohe Chef gesagt, also kann ichs ja auch sein. Wenn ich jetzt nur wüßte, wieviel ich für die mühsame Arbeit entsprechend berechnen kann!
Ich denke viel daran, daß nun bei Euch Semesterschluß war, und ich frage mich, wie Du auf diese bedeutungsvolle Vorlesung zurückblickst? Hat sie den entsprechenden Erfolg gehabt und hat sich alles gestaltet, wie es Dir
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| vorschwebte? Wird der Aufbau dieser Vorlesung Grundlage sein für das Buch, das gerade Du dieser verworrenen Zeit zu geben hast? Wie sehr beklage ich es, daß ich dies Semester nicht unter Deinen Hörern sein konnte!
Wirst Du nicht jetzt, wo die amtliche Tätigkeit vermutlich nicht ganz so viel persönliche Vorbereitung fordert wie die Vorlesungen, etwas mehr Erholungsstunden einschieben? Ich hoffe, der Himmel wird ein Einsehen haben und Dich dazu verlocken. Nach solcher Erfrischung geht die Arbeit dann umso besser. Ist Kirchentallinsfurt schon ganz erforscht?
Ich war gestern in SchlierbachZiegelhausen, besuchte auch Frau Frobenius und fand ihre Mutter im Bett, sehr elend aussehend. Die Tochter sagte mir beim Fortgehen, daß ärztlich ein Tumor festgestellt sei, aber die Patientin dürfe es nicht erfahren. So ist nun also auch
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| da die Not noch größer geworden. – Hanne H. ist voller Tatkraft, strebt wieder nach einer Anstellung, aber Sellin nimmt sie nicht und eine Halbtagsarbeit ist schwer zu finden. Dabei merkt man an allerlei Anzeichen, daß sie auch in Wahrheit nicht gesund ist, sondern nur mit äußerster Energie danach strebt, es zu scheinen. – Die kleine Held erwartete heut den Besuch ihres Vaters. Da wird sich nun wohl entschieden haben, ob sie nach Haus darf. Sie schien sich eigentlich hier noch ganz wohl zu fühlen. –
In Ziegelhausen, zwei Häuser neben Fr. F. hatte ich von Anneliese Malkus, jetzt v. Schlotheim einen Brief abzugeben "an eine Freundin". Ich fand dort Frau Dr. Schütte, mit Gatten und 4 Kindern von 12–1jährig., die mir alle sehr gefielen. Der Mann ist an einem Berliner Forschungsinstitut (W) angestellt, kam gerade
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| für den Sonntag zur Familie. Es war furchtbar eng bei ihnen, aber ein so froher und freundlicher Ton, daß es ungemein wohltat. –
Im Hause ist es auch friedlich und ich bin auch wieder normal zu Fuß, wenn ich möglichst unnötiges Ausgehen vermeide. Bei der Elektrischen greifen mir jetzt immer die Schaffner hilfreich unter den Arm und ich lasse mirs in Gnaden gefallen. Ich denke dann immer an Adele, die jede Hülfe entrüstet zurückwies. Sie war eben noch selbständiger als ich!
Wie mögen die Nachrichten von Susannes Schwester sein? Den lieben Brief von S. werde ich demnächst auch beantworten, aber vorläufig ist die Zeit ganz von der Klinik beansprucht. Darum höre ich auch heut mit diesem inhaltlosen Schreiben auf, denn zu näherem Eingehen fehlt die Geduld. Ich bin nämlich immer so sehr müde und auch die Augen tun mir weh.
Möchtest Du mir noch möglichst Gutes zu berichten haben und möchtest Du alles fühlen, was ungeschrieben bleibt.
Deine Käthe.

[li. Rand] Herzlichen Gruß an alle.