Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24./26. April 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24. April 1951
Mein liebes Herz!
Ich habe heute etwas ganz Ungewöhnliches getan, ich habe einen Ferientag gemacht! Die Stimmung war so herunter, und die Malerei war mir so unerfreulich, daß ich sie am liebsten zerrissen hätte, es war mir vor Müdigkeit und einigem Ärger förmlich übel – da beschloß ich: "in die Blüte zu gehen!" Der Versuch jemand dazu zu gewinnen, mißglückte, so machte ich erst einen Besuch im Weißen Haus und ging von da bergaufwärts zum Kaffee Sonnenbad, wo ich von ½ 4 bis gegen 5 mich an dem Blick über die Ebene und dem Sonnenschein vom wolkenlosen Himmel wieder innerlich aufrichtete. Der Weg dann am Berg zurück, erst durch die Blütengärten, und dann durch den Waldesrand mit der
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| zauberhaften Schönheit der Bäume in der jungen Entfaltung zu neuem Leben, jeder von einem andern überraschenden Farbenreiz, war wie noch nie so tief erlebt. Du mußt es gefühlt haben, wie ich Dich zu mir wünschte bei dieser stillen, wohltuenden Wanderung. Und wie sehr wünschte ich, Du möchtest auch solch ein "Sonnenbad" in freier Natur mit stiller Seele genießen können!
Bei Euch wird der Frühling noch etwas in der Entwicklung zurück sein. Aber dann mußt Du auf die Achalm gehen! Überhaupt bin ich froh, daß die äußeren Umstände Deinen ungeduldigen Fleiß etwas eindämmen. Benutze aber die relativ freigewordene Zeit auch wirklich zur Kräftigung und zur Ausheilung. Vermeide möglichst Anstrengung und Staub; es war so schön und wohltuend heute ganz langsam zu gehen voll Staunen über diese herrliche Welt.
Könntest Du doch auch mal den Druck der steten Gewissenhaftigkeit abschütteln! Ich fühle
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| mich wirklich so neu belebt, daß ich wieder mit Mut an die noch immer problematische Arbeit denke, und morgen dann weitermache.
In Deinem neuen Buch, daß ich mit großer Freude empfing, habe ich den Aufsatz über die Volksschule gelesen und mit Andacht den frommen Sinn empfunden, der das ganze in den höheren Zusammenhang rückt, nach dem wir uns sehnen, und von dem allein wir wahrhaft leben; Goethe spricht da von der "Ehrfurcht", die gefordert werden soll. Ich nenne es gern den kosmischen Zusammenhang, den wir ahnungsvoll empfinden, und der mir mehr ist, als ein mechanischer Ablauf, sondern geistgewollte Bestimmung, im Größten, wie im Kleinsten.

Forts. 26.IV. Gestern habe ich nun das vorletzte Auge der krankhaft veränderten Serie ziemlich fertiggestellt und bin zunächst von der Ausführung der in den fünf Stunden angelegten Skizze befreit, da sie keine brauchbare Grundlage ist.
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| Die alte Frau, die dazu herhalten mußte, war in der Tat nur für diese kurze Zeit anwesend, und ein Wiederkommen wäre ausgeschlossen. Aber solch Momentaufnahme ist eben nur mit der Photographie möglich.
Ich atme also jetzt auf und will mich nun an die mir so angenehme Arbeit am Mikroskop machen, die Prof. Schreck für mich schon seit Wochen bereit hat. Und heute genoß ich auf Einladung von Frau Franz die Annehmlichkeit an einem gedeckten Tisch zu sitzen, ohne vorher kochen zu müssen, und hinterher auf der schönen Veranda am Fuß des Heiligenberges bei Kaffee und Handarbeit in gemütlicher Unterhaltung auszuruhen.
Bei alledem bewegt mich aber immer der Wunsch, Dir möchte auch eine solche Möglichkeit des Ausspanns nach der großen, zu großen Anstrengung geworden sein. Leider fürchte ich aber auf Grund vieler Erfahrung, daß Du dazu zu gewissenhaft bist.
Ich aber will trotz allem jetzt mit gutem Gewissen auf mein Ruhekissen gehen, und, bis die Fassungskraft versagt, weiterlesen in dem <li. Rand> fesselnden Aufsatz über die "5 Generationen". (Frl. Franz sprach in Ludwigshafen <li. Rand S. 3> eine Jugendleiterin, die mit Begeisterung von Deinem Vortrag in Neustadt erzählt hat.)
<li. Rand S. 2> Nun aber Schluß mit innigen Grüßen und dem sehnlichen Wunsch, bald von Deiner Wiederherstellung zu hören. Es ist doch jetzt solch <li. Rand S. 1> mildes Frühlingswetter, selbst der lebhafte Wind ist wohltuend. – Grüße auch Susanne herzlich von Deiner bei allem Dein gedenkenden Käthe.