Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. April 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 29.IV.51
Mein liebes Herz!
Ich überzeuge mich auf dem Kalender, daß seit Deinem letzten, lieben Brief gerade nur eine Woche vergangen ist. Mir kommt es wie mindestens das Doppelte vor, denn die Nachricht über Dein Befinden war noch von recht zweifelhafter Güte. Inzwischen gab es ja dann einige wahrhaft wohltuende Frühlingstage – aber ob Du sie auch für die Erholung ausnutzen konntest? Ich zweifle leider mit Recht daran.
Es kommt mir recht anmaßlich vor, daß ich mich auf einmal so energisch gegen den Mißbrauch meiner Zeit und Nerven in der Klinik auflehnte und einfach in die Natur entwich. Diese wenigen Stunden in durchsonnter Luft haben wie sonst Wochen
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| gewirkt. Es war der durchaus notwendige Kontrast zu meinem Zimmer und dem vielen Aufenthalt in der beengenden Finsternis der Dunkelkammer, noch dazu bei unerfreulicher Arbeit. Jetzt ist das erledigt und ich bin froh.
Heute nun sitze ich im wieder geheizten behaglichen Wohnzimmer und wünsche nur, Du wärest mir wieder gegenüber auf dem Sopha zu gemütlicher Aussprache. Mit der Baumblüte ist es vorbei. Der beständige, heftige Wind hat die lockeren Blumenblättchen zu Teppichen über die Erde gestreut, die Luft ist unfreundlich und das Barometer steigt und fällt unaufhörlich. Aber ich bin diesem Wechsel nicht mehr unterlegen, sondern habe die Niederlage durch Nichtstun und viel Schlafen überwunden. Ich frage mich dann freilich: wozu? Es hätte mir nur einen Sinn, wenn ich die gute Wirkung auf Dich übertragen könnte, Du mein Einziger!
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Gestern war ich wieder, obgleich sie keine Karte schrieb, bei Frl. Held. "Sie habe es nicht gewagt," sagte sie und man merkte, daß sie sich freute. Aber in der Unterhaltung kamen ihr ganz bald ohne erkennbaren Grund Tränen und unter anderem äußerte sie [über der Zeile] ungefähr, daß der Dr. erklärt habe, nach dem, was sie ihm da sage, wäre die ganze Behandlung erfolglos gewesen. (!) Es ist jetzt bestimmt, daß sie entweder am Montag oder am Mittwoch nach Haus darf. Für das Weitere steht in Frage, ob sie zunächst bei den Eltern bleibt, oder in Tübingen weiter studiert, oder hier in Heidelberg, wo sie ambulant weiter behandelt werden könnte. – Warum muß denn durchaus studiert sein? Sie hatte doch ursprünglich angefangen, Zeichenlehrerin zu werden, und würde durch ihren feinen Sinn sicher etwas damit leisten. – Ob sie in Tübingen mal Dich aufsuchen dürfe? fragte sie auch. Aber ihre Äußerungen sind so unbestimmt, daß man nicht klar sieht. Der Arzt hätte ihr die
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| Entscheidung über die weiteren Entschlüsse ganz anheimgestellt, und dem ist sie offenbar nicht gewachsen. Aber dann sagte sie wieder, sie wäre doch jetzt alt genug und müßte endlich selbständig werden. – Ich muß an ihre hauchzarten Zeichnungen denken, denn sie ist selbst ein feines, verschüchtertes Seelchen, das sich der rauhen Wirklichkeit nicht gewachsen fühlt. – Sie habe in der letzten Zeit sehr viel durchgemacht und nur den Eltern gegenüber Theater gespielt, um sie nicht zu betrüben. Aber gestern morgen noch sei sie schon um 6 Uhr früh heimlich durchgebrannt, und erst nach Stunden wiedergekommen. Eine eigentliche unglückliche Liebe hat sie nicht zugegeben, in der Hauptsache handle es sich um den Tod des Bruders.
Natürlich habe ich ihr gut zugeredet, daß das Leben für uns alle Aufgabe und Kampf sei, daß wir uns nicht in einen Wunschtraum ein
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|spinnen dürfen – aber da hat man gut reden. Ich glaube nur daß solch ein Aussprechen eine gewisse Erleichterung für sie ist. Ich bin nur immer so scheu, und sie erklärte auch ihre Verschlossenheit durch die Scheu, verletzt zu werden. Ich empfand immer, wenn wir mal Gelegenheit hatten, eingehender zu sprechen, ein gewisses Vertrauen und Verständnis bei ihr, aber in letzter Zeit hatten die Umstände keine Gelegenheit gegeben und ich hatte auch Sorge, den ärztlichen Einfluß zu stören.
Die andere H. H. ist nun ganz anderer Art. Sie ist ja auch wesentlich älter. Mit aller Energie will sie jetzt gesund sein, aber die Arbeitsmöglichkeit, die ihr angemessen ist, findet sich in ihrem Beruf nicht. Heutzutage braucht man volle Kräfte.
Mit Sorge entnehme ich aus Hermanns letztem Brief, daß er endlich die Aussichtslosig
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|keit für die Zukunft seines Sohnes Dieter einsieht und als persönliche Belastung empfindet. Ob er von Anfang an mit mehr Energie hätte eingreifen sollen und können, weiß ich nicht. Dieter lebt jetzt in Tutzing, bisher bei ihnen in den zwei Zimmern, aber jetzt wohnt er wo anders und kommt nur zum Essen. – So kann ich an meine beiden noch lebenden Geschwister eigentlich nur recht bekümmert denken. –  –  – etc. –  –
Und dann wenden sich meine Gedanken wieder der Sonnenseite des Lebens zu, und ich hoffe recht bald, recht Gutes von Dir zu hören. – Inzwischen bin ich vertieft und erfüllt von der Lektüre Deines Buches, das ich in seiner Gedankenfülle mit offnem Sinn aufnehme. Ich lese langsam, denn es spinnt sich im Stillen so viel daran
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| an und bewegt mir das Herz. Es ist ein liebevolles Bild der geistigen Wandlungen, das doch die Mängel nicht verhüllt. Wird es in seiner ernsten Mahnung verstanden werden? Wird sich die vorwärts hastende Gegenwart dazu die Zeit nehmen? Es wird doch allenthalben so viel von Kultur und Erziehung geredet – möchte man doch diese Quelle der Einsicht verständnisvoll aufnehmen. Hast Du schon persönliche Dankesäußerung darüber? – Ich freue mich auch an der würdigen Ausstattung; nur dürfte mir der Einband weniger empfindlich hell sein, sondern für einen häufigen Gebrauch praktischer. – Vorhin war Frau Buttmi für ¼ Stunde bei mir. Sie ist jetzt völlig in Anspruch genommen durch die Behütung der Schwiegermutter, die aber jetzt nicht mehr widersetzlich, sondern offenbar im Unterbewußtsein dankbar für die Betreuung ist. – Aus irgend einer Zeitung
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| bekam ich einen Artikel: das letzte Kaiserpaar; mit dem Bericht über das Schicksal sämtlicher Kinder etc. Würde Dich das auch interessieren? Es ist wirklich ein dunkles Schicksal. –
Morgen will ich mit Prof. Schreck Rücksprache nehmen wegen der Zeichnungen am Mikroskop, die ich immer gern mache. Und dann will ich noch Stoff für ein Waschkleid kaufen, denn das fehlt mir schon lange. Ich tue das in der Überzeugung, daß so das Geld nützlicher angelegt ist, als im Kasten für die Zukunft. Du hast mich ja auf lange versorgt und ich verdiene jetzt ein wenig dazu. Du weißt, daß ich Deine Fürsorge nicht mißbrauche, aber sie gibt mir die Ruhe für die nötigen Anschaffungen neben dem täglichen Bedarf. Und so bist Du auch darin der nervus rerum meines Daseins, wie all mein Lebensglaube und -wille in Dir begründet ist.
Es liegt mir noch so manches im Sinn, was mich auch in der Zeit bewegte, als ich so deprimiert war. Aber jetzt soll mal dieser Brief fort und soll Dich grüßen, innig und dankbar – auch für die Widmung in den "Perspektiven".
Deine Käthe.

[li. Rand] Grüße auch Susanne herzlich; und schreibe mir, ob Du gesund bist!