Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Mai 1951 (Ober-Dielbach)


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Heidelberg. 11. Mai 1951
Mein liebes Herz!
Am meisten hat mich an Deinem letzten Brief erfreut, daß Du Dich "wieder normal" fühltest. Denn es war doch eine tüchtige lokale Erkrankung, mit der Du Dich dauernden Anstrengungen und übelstem Wetter ausgesetzt hattest. Es muß wohl eine gemeinsame Infektion vorgelegen haben, da auch Susanne damit behaftet war. Hier ist nun inzwischen nach vielen Barometerschwankungen ein freundlicher Himmel, kühl aber sonnig. Von dem Ausflug nach Ketsch hat Dir die Karte berichtet. Es war schon lange der Wunsch von N. M., und Du kannst Dir denken, daß ich gern darauf einging. Aber der nützliche Hintergrund dabei, die
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| Botanik, kam nicht dabei zum Recht, denn die Vegetation auf der Insel ist völlig verändert und verarmt. Nicht eine einzige interessante Pflanze haben wir gefunden, nur einige kümmerliche Maiblümchen. Der schöne Hochwald, der mit Wiesenflächen wechselte, ist wie erdrückt von dichtem Gebüsch, das dürftig und unschön wirkt. Nur auf dem Wege zur Insel auf dem Fußweg neben der langen Chaussee fanden wir allerlei, wobei ich meine botanischen Kenntnisse hervorholen konnte. – Erreichbar ist die Insel jetzt von hier per Autobus, den wir dann bis Schwetzingen zurück benutzten, und noch zu einem Spargelessen einkehrten, das dem jungen Mann recht wichtig war, und das ich mitmachte, obgleich ich für mich nicht darauf erpicht war. – Nur ein kurzer Gang durch den Park nachher war schön, und ich genoß es im Gedanken an Pankow
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| und manches Heidelberger Jahr, einmal wieder Nachtigallenschlag zu hören.
Das Zusammensein mit diesem anregenden Menschen ist mir immer eine Freude und es ist hübsch, wie offen er von allem erzählt, was ihn beschäftigt. Es war ein schöner Anklang an Deinen ersten Aufsatz im neuen Buch, wie er mit innerster Überzeugung von seinem Glauben an die Verbesserung der Menschheit sprach, ohne den ihm das Leben wertlos dünke. –
Dein kleines so gewichtiges Buch ist – möchte ich sagen, – mein ständiger Begleiter. Wir lesen an den Donnerstag-abenden die 5 Jugendgenerationen und heut werden sie auch bei Frau Buttmi der Inhalt sein. (– Dort steht im übrigen alles unter dem Druck der völlig versagenden alten Frau.) — Am Mittwoch vor Himmelfahrt war ich bei Hedwig Mathy, und wir gingen zusammen nachmittags ins Siebenmühlental. Ganz am oberen Ende,
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| auf einer schönen Bank in der Sonne, las ich ihr auch den Jugend-vortrag vor und sie war ebenso gefesselt, wie ich jedesmal, als mitten drin vier junge Leute mit Rädern sich um uns mit Sack und Pack aufbauten und erklärten, da würden sie über Nacht bleiben. Durch die plötzliche Unterbrechung waren wir so verblüfft, daß wir nach kurzem, freundlichen Gespräch das Feld räumten. Das tat mir später sehr leid, denn ich hätte doch gerade gern im Anschluß an die Lektüre mehr von ihnen gehört. Wie bedauerte ich, daß Du nicht bei mir warst! Ein komisches Zusammentreffen war es, daß am Tage zuvor Hanne Héraucourt und ich von derselben Bank durch zwei alte Schachteln vertrieben wurden, die sich zwischen uns und zwei andere pressen wollten wie in einer überfüllten Elektrischen. Da stand ich natürlich ostentativ auf! – aber das zweitemal räumten wir den Platz aus Rücksicht, und außerdem war die Sonne hinter den Berg gerückt.
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Mit diesen beiden Spaziergängen war die ganze Woche der vielen Feiertage für mich recht erfreulich und ich kam mit verschiedenen Schwankungen wieder ins Gleichgewicht nach der unfreiwilligen Überanstrengung durch den verständnislosen Mediziner. – Du hast sehr recht, daß da Unmögliches verlangt wurde, nicht nur physisch. Jetzt ist nun, nach einem günstigen Anfang eine unfreiwillige Pause mit der Arbeit für Prof. Schreck eingetreten, da er durch Anderes dringend verhindert ist. – Übrigens ist für mich das Zeichnen am Mikroskop mit der Brille ganz angenehm, denn man kann ja die Vergrößerung so einstellen, daß sie der Entfernung vom Zeichenblock entspricht.
Wie mag sich Dein Überangebot an Besucherinnen für die Pfingstwoche geregelt haben? Auch bei mir droht da allerlei Kollision.
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| Nach monatelangem Hinziehen und letztem Verschieben von Ende April bis zum 28. Mai ist nun endlich die Hausschneiderei für mich festgesetzt. Susanne wird verstehen, daß das meinen ganzen Tag in Anspruch nimmt; und da ich 2 Kleider und 1 Bluse notwendig brauche, wird die Woche ziemlich dafür hingehen. Nun kommt genau dazu ein Brief von der Tochter Ernst Schwalbes, die sich bereits im April ansagte, für den 26. Mai.! Ich habe aber sofort geschrieben, daß es da nicht geht. Denn es ist eine große Schwierigkeit eine tüchtige Hausschneiderin zu bekommen. Und wenn ich mich auch durch Jahre so durchgedrückt habe (seit dem Tode von Frl. Drechsler) einmal braucht man eben eine Erneuerung.
Eure Familienprobleme scheinen sich ja langsam etwas wunschgemäßer zu entwickeln.
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| Über meinem Horizont schwebt da noch die dringende Einladung von Hermann nach Tutzing. Ich möchte ja gern die offenbar sehr nette Schwägerin kennen lernen, aber es scheint mir doch unter den heutigen Verhältnissen eine zu kostspielige Sache. – Ganz besonders macht es mir Bedenken, da Hermann offenbar weniger Einkommen und mehr Ausgaben hat, durch die Erwerbslosigkeit von Dieter. So blicken überall jetzt stille Sorgen durch. – Aber Deine Besorgnis wegen eines schlechten Sommers, Du lieber Wetterprophet, kann ich nicht teilen. "Mai kühl und naß" lobt der Bauer, und so ist es ja ganz recht. – Das kleine Blatt von der Tüllinger Höhe hat mich gefreut. Die Tochter Häbler hat mir Bilder von dort gezeigt, so daß ich auch von der Kirche und näheren Umgebung ein Bild habe. Von den Lichtern aus Basel bei Nacht schwärmte s. Z. schon der Vater.
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Wann steht denn die eventuelle Reise nach München bevor? Vielleicht könnten wir da zusammen hinfahren?!! In München würde ich abgeholt, wäre also nicht hinderlich. –
Du schreibst von dem Besuch Heuschele's. Ich meine, von ihm schicktest Du mir mal eine Besprechung über Deine Lehrtätigkeit, die mir ganz besonders gefiel. Leider mußte ich sie zurückgeben. –
Und nun will ich auf meine Wochenkarte, die sonst heute doch nur verfallen würde, in die Stadt fahren und diesen Brief in die Hauptpost bringen, damit er zu Pfingsten bei Dir ist. Grüße Susanne recht herzlich, und auch Ida grüße von mir. Und Dir wünscht nach den Feiertagen einen guten, geregelten und erfreulichen Semesterverlauf. Bleibe gesund und halte Haus mit den Kräften, und sei mit innerer Befriedigung Deiner lebendigen Wirkung bewußt. In immer gleicher Liebe
Deine Käthe.