Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21./22. Mai 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21. Mai 1951
Mein liebes Herz!
Ich war sehr froh, Deinen lieben Brief heute zu erhalten, denn ich hatte recht darauf gehofft! Und vom Inhalt freute mich besonders, daß Ihr eine so schöne Wanderung machen konntet; aber sonst ist auch allerlei weniger Angenehmes in Deinem Bericht. – Wegen der mouche volante brauchst Du Dir, glaube ich, keine Sorge zu machen. Ich habe im linken Auge eine recht lebhafte gehabt, die sich aber allmälig fast ganz verloren hat. Aber recht störend sind die Dinger, besonders bis man daran gewöhnt ist. Hoffentlich ist Frau Lincke bald wieder gesund, denn vermutlich ist das besonders viele Schreiben recht ermüdend. – In der Pfingstwoche habt Ihr recht viel Besuch gehabt. Ich war statt dessen still und allein zu Haus und habe viel geschlafen.
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Das ist überhaupt eine recht lästige, neuere Errungenschaft, daß ich immer so schnell sehr müde bin. So war es mir "im Grunde" ganz lieb, daß die Zeichnerei durch äußere Ursachen erst nach und nach in Gang kam. Es waren ja so viel Feiertage! Jetzt arbeite ich an 4 Wochentagen vormittags 2, und nachmittags 2 Stunden am Mikroskop, und das [über der Zeile] ist ergiebiger als hintereinander. –
Daß Dein Zug von Saarbrücken diesmal über hier zurückgeht, freut mich außerordentlich, und ich hoffe, Dich diesmal auch gesund zu sehen! An Deinem Mißbefinden war aber damals nicht die Reise als solche schuld, denn Du gingst schon mit der Erkrankung auf die Fahrt und hattest dann fortwährend Anstrengungen. – Das Bahnfahren fürchte ich persönlich garnicht sehr, denn ich finde einen langweiligen Besuch oder schlecht organisierte Arbeit, die mich ungenutzte Zeit kostet, viel anstrengender. Und der Besuch
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| in Tutzing wäre nicht um des Kindes willen, sondern um die Schwägerin kennenzulernen. Ich verstehe es gut, daß Du Dich nicht [über der Zeile] in das Gefühl geschwisterlicher Anhänglichkeit versetzen kannst. Es ist eben doch ein besonderes Band, wenn man aus dem gleichen Nest stammt! Ich habe dieser Tage darüber nachgedacht. Wahlverwandtschaft ist mehr, aber auch das andere ist eine feste Zusammengehörigkeit, und doppelt, wenn es ein Kreis selbstverständlicher Liebe ist, auch wo es Differenzen und Kritik gibt. Es sind immer irgend welche Züge da, die heimatlich anmuten.
Du weißt das ja auch von Susanne. Ein Fall wie Bethmann-Honig ist doch zum Glück nicht normal, und zwischen den Schwestern ist es ungetrübt. – Das hindert freilich nicht, daß die Verhältnisse ernste Sorgen mit sich bringen; das ist mir schon lange klar. Umso mehr bin ich bekümmert, daß auch ich immer solch freigebige Unterstützung von Dir annehme. Heute Nacht
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| hatte ich so lebhaft geträumt, wie ich Dir sagte: es sei mir so leid, Dir solch dauernde Last zu sein. Es kommen mir solche Gedanken, wenn oft von meinem Alter die Rede ist, und ebenso davon, daß es mir gesundheitlich so gut geht.x [li. Rand] x Da ist so garkein Ende abzusehen! Gerade am Mittwoch erwähnte Paul Matussek sehr mein gutes Aussehen bei einer flüchtigen Begegnung; er war nur kurz beim Vater in Weinheim und reiste hier durch nach Baden zu einer Tagung.
Mit dem Bruder las ich den Jugend-Vortrag, von dem auch er sehr angetan ist. Es fühlen eben alle Dein tiefes Verständnis für ihr Streben und Suchen, auch wo es ohne sichtbares Resultat bleibt. Er war s. Z. in einem katholischen Bund, der von Köln aus geleitet wurde und verpflichtete zu täglich irgend einer kleine guten Handlung der Selbstüberwindung oder Gefälligkeit. Eine derartige Gesinnung ist ihm entschieden geblieben, denn er ist ungewöhnlich hilfsbereit. Ob der
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| Bruder auch solche Schulung durchmachte, bezweifle ich! – Aber mit seiner Psychotherapie setzt er, wie es scheint, seine Kräfte sehr für die Menschen ein. Ob wirklich heilend? Bei der kleinen Held schien mir die Methode wenig wirksam. –  – Für Dein Interesse in der Sache von Gretel Schwidtal danke ich Dir herzlich. Ich werde ihr die Anschrift von Frau Besser geben, denn ich glaube, daß sie eine erwünschte Arbeit auch außerhalb annehmen würde. Sie war doch oft von Kassel fort. Leider sind solche Bemühungen nicht immer von Erfolg. – Auch mir war kürzlich eine Vermittlung aufgetragen. Mädi schrieb, daß sie einen Prozeß mit üblen Mitbewohnern hätten, bei dem eine Zeugenvernehmung in Weinheim nötig sei; und da wäre es erwünscht, wenn auch in ihrem Interesse ein Rechtsanwalt anwesend sei. Ich fragte den Mann von Elsbeth Gunzert-Wille um Rat und
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| da er jetzt hier als Rechtsanwalt tätig ist, wäre er bereit, es zu übernehmen. Nun wollen sie aber lieber einen aus Weinheim, weil es weniger Kosten macht. Ob das im Erfolg dasselbe ist, wenn sie von einem Fremden vertreten werden?! – Dieser Brief kam heute. Und ebenso einer von Elsi Klauser-Schwalbe, die durchaus Ende dieser Woche hier ein paar Tage bleiben will. Ich schrieb ihr, daß es gerade nicht gut klappt, weil ich die Schneiderin erwarte. Aber sie muß es dann eben nehmen, wie es geht. –  –
Mit dem Plan für Tutzing hat es mir noch keine Eile. Wir können ja vielleicht am 1. Juni davon reden. Weißt Du, ich machte es gern, denn – so widerspruchsvoll ist der Mensch – obgleich es mir unverhältnismäßig gut geht, denke ich: wer weiß, wie lange ich es noch kann, und ich glaube es wäre ein wirklich
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| erwünschter Liebesbeweis für Hermann. Mir ist ja doch sonst niemand mehr von der Familie erreichbar, und das Schreiben ist so mangelhaft, vor allem durch meine oft unüberwindliche Faulheit. –

22.V. Jetzt bin ich von meinem 4stündigen Arbeitstag wieder zu Haus und will nur rasch noch einige Zeilen anfügen. Eine Zeichnung, (kreisrund 14 cm Durchmesser), ist fertig und die Fortsetzung kommt vom 4.VI. an. Es sind über hundert verschiedene Zellen, viele von unzähligen virus-Bläschen bedeckt – aber als Ganzes ein hübscher Anblick. Es war mir eine Freude. Aber ich bin zufrieden über die Pause, nicht nur wegen der Augen, sondern auch wegen der persönlichen Verhinderungen. So vielerlei auf einmal macht mich gleich etwas kopfscheu. –  – Aber auf den 1. freue ich mich, das wird auf alle Fälle klappen, soweit es in meiner Macht steht.
Morgen bin ich bei Frl. Mathy zu Tisch, und
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| ich hoffe, dann machen wir irgend einen Weg durch den Wald. Am liebsten am Königstuhl, denn man spürt auch da gleich die belebende Wirkung der Höhe. – Am 24. habe ich vor, mal wieder einige Stunden bei der alten Frau Buttmi zu sitzen, wie ichs auch am vorigen Sonntag tat, im Garten, beschattet von den dicht belaubten Apfelbäumen. Da spricht sie immer dasselbe von ihrer Mutter, und von ihrer Kindheit und überhaupt ist sie im Gegensatz zu sonst voll freundlicher Gedanken und guten Willens. Aber sie ist unberechenbar in dem was sie tut und unternimmt; man muß sie beständig hüten, und die Familie ist völlig in Anspruch genommen, besonders die Schwiegertochterx, denn der Sohn und die Enkelin bringen die Geduld nicht auf. Aber diesex ist bereits fast am Rande ihrer Kräfte.
Nun aber: gute Nacht für heut. Wann werden wir mal nach Ketsch kommen?
In Gedanken immer bei Dir, grüßt Dich und "die Belegschaft"
Deine
Käthe.