Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. Juni 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. Juni 51.
Mein liebes Herz!
Wenigstens diesen Zettel muß ich heut abend noch schreiben, denn ich habe jetzt endlich die Möglichkeit, zu mir selbst zu kommen! – Das Wiedersehen an der Bahn kam ja kaum wirklich zum Bewußtsein, ich sah aber doch wieder mal Dein liebes Gesicht – im Rahmen der Eisenbahnfensters.
Hoffentlich verlief Deine Reise gut und das Seminar glückte besser als Du erwartetest.
Bei mir waren Freitag und Sonnabend noch von der Schneiderei beschlagnahmt, aber der Erfolg erscheint mir befriedigend. – Am Sonntag früh 10 Uhr kam – – – Lieschen Schwidtal, denn ich hatte die Karte falsch gelesen. Eine Stunde später erschien Frau Klauser, deren Mann in Stuttgart als Journalist tätig ist. So hatte ich nur wenig Zeit mit L. Schw. allein, aber es war ein gutes Zusammensein.
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| Und wir fanden uns in stillem Einverständnis mit dem Redeschwall ab, der sich wolkenbruchartig über uns ergoß.x [li. Rand] x als (Elsi Schwalbe-Klauser) erschien. Wir aßen dann in dem Vorstadt-Perkeo, weils das nächste Lokal ist, und tranken hinterher bei mir Kaffee. Lieschen reiste um 3 Uhr weiter und ich brachte dann Elsie Klauser an den Omnibus zum Speyrershof, wo sie einen früheren Assistenten ihres Vaters besuchen wollte. Und so war ich ganz unerwartet frei, ein Billet zu benutzen, das ich schon vor Wochen bestellt hatte, für eine Dampferfahrt mit der Gedok (Kunstverein) das mir Hedwig Mathy vermittelt hatte. Fahrt, Platz und Wetter waren günstig, und außer der schönen Natur freute es mich, dieses bunte Bild kunstbeflissener Menschen zu sehen, das sich auf dem Schiff entwickelte. Ich hatte auch eine nette Nachbarin, die Cousine von Frau Detjen ist. – Montag und Dienstag nahm mich die geborne Schwalbe noch viel in Anspruch und wir kamen doch zu einem ganz freundlichen Verhältnis zu einander. Gestern nachmittag fuhren wir nach Schwetzingen und der Park war bei wechselnder
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| Beleuchtung sehr reizvoll, und wir hatten ganz eingehende und ernste Gespräche. Nach dem üblichen Abendessen bei mir verabschiedete ich mich von ihr an der Elektrischen, um nicht heut an die Bahn zu gehen. Es verblüffte mich, daß sie mich zum Abschied küßte, denn ich war doch eigentlich recht reserviert gewesen. Aber sie sagte, ich wäre nun doch die letzte von der alten Zeit für sie.
Morgen will ich dann endlich wieder ans Zeichnen gehen, nachdem ich heute noch Einiges in der Stadt erledigte und Rösel Hecht absagte, die mich aufforderte, am Sonntag zu Kohlers zu fahren. Ich muß jetzt etwas Zeit für mich haben, denn es war außer dem, was ich Dir berichtet habe, noch manche Unruhe durch Anfragen und Aufträge, die allerlei Mühe und Bedenken machten und erfolglos blieben. Ich habe dadurch recht lebhaft mitempfunden, wie Dich angekündigte Besuche und Familienansprüche beunruhigen.
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Verzeih nun, bitte, diesen schlecht geschriebenen Brief, der Dir zeigen wird, wie müde ich bin.
An Hermann habe ich noch immer nicht geschrieben, wie ich überhaupt in Briefschulden ersticke. Nicht einmal zu dem beabsichtigten Brief an Frau Biermann kam ich; und hätte doch so besonders gern geschrieben. Aber es fehlte die notwendige ruhige Stunde.
Sei wie immer in inniger Liebe gegrüßt von
Deiner
Käthe.