Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Juni 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Juni 1951
Mein liebes Herz!
Nach einer lähmenden gewitterschwülen Woche ist heute endlich ein erträglicher, fast zu kühler Tag. – Von meinem plötzlichen Ausflug in den Odenwald hat meine Karte Dir Nachricht gegeben – vielleicht warst Du recht erstaunt. Eigentlich war ich es selbst, denn zunächst hatte ich die Aufforderung von Rösel abgelehnt. Aber schließlich siegte doch das Verlangen, den Alltag mit seiner Last und Unruhe einmal abzuschütteln. Die Tage da oben bei den lieben Freunden waren dann wirklich ungetrübt schön, und ich kam mit neuer Zuversicht in die enge Gasse zurück. –  – Ich empfand recht, wie wohltuend die Naturnähe des Lebens dort ist, gerade im Gegensatz zu dem engen Dasein in der Stadt. Auch das [über der Zeile] neue Schulhaus und die Lehrerwohnung, die ich noch nicht kannte,
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| sind ohne elegant zu sein, so licht und zweckmäßig, in schöner freier Lage, daß es wohltut. Otto Kohler erzählte von der mangelhaften Unterrichtsepoche, die er nur mühsam überwindet, da eben die Grundlagen fehlen. Wie er vom mühsamen Buchstabieren zum geistigen Erfassen des Gedruckten zu führen sucht. Die Frau leitet das Haus mit feinem Geschmack und Pünktlichkeit, pflanzt im Garten die neu angelegten Beete, und verbindet auch ein Kind, das sich blutig geschlagen hat. Es geht alles glatt und ohne Aufhebens. – Ich durfte an allem teilnehmen, auch am "Flurgang" auf den Acker, wo Weizen und Kartoffeln inspiziert wurden, ob man sie hacken muß, und wo die ärgsten Disteln ausgerissen wurden. Meist aber ging ich allein durch die fabelhaft blühenden Wiesen, über denen eine duftige Ferne und der weite Himmel stand. Denn ich hatte durchgehends schönes Wetter. – Am Dienstag abends fuhr
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| ich von Eberbach, wo ich noch einen kurzen Besuch bei der dort verheirateten Tochter Ursel gemacht hatte, mit dem gleichen Omnibus, den gleichen Weg wie auf der Hinfahrt zurück – und zwar im Tal von Plautersbach bei einem wolkenbruchartigen Gewitterregen. –
Am Mittwoch mußte ich mich der Hausarbeit annehmen, und am Donnerstag, an dem Du in Winnenden warst, hatte ich die Näherin den ganzen Tag zu allerlei nötigen Flickereien. Abends kam der junge Matussek, und brachte eine Bekannte mit, die Bibliothekarin an der Irrenklinik ist. –  – Allerlei Briefe kamen, [über der zeile] 1. sehr liebenswürdig und befriedigt von Elsi Klauser, die ich doch garnicht so bereitwillig aufgenommen hatte! – [über der zeile] 2. Sehr nett von Rosmarie Haebler, die aber leider nicht nur Gutes zu berichten hat. Ein als sehr kritisch bekannter Oberregierungsrat hat den Vater durch allerlei Beanstandung deprimiert. Es fragt sich ja aber, ob es den Mitteln der Anstalt entspricht, was er forderte.
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[über der Zeile] 3.–6. Nach vielem Hin und Her, bei dem es sich um eine Prozeßgeschichte von Pramanns in Oeynhausen handelte, in der ich erst Herrn Gehrat Gunzert auf Wunsch von Mädi bemühte, ist die Sache jetzt zu Gunsten von ihr entschieden. Das hat mich Zeit und Briefe gekostet, und ich bin doch so leer im Kopf, daß ich immer eins über das andre vergesse! – [über der zeile] 7. Aber nett war es, daß ich auf einen Abschiedsbrief, den ich damals Deiner Tübinger Studentin schrieb, jetzt eine dankbare Antwort bekam und die Nachricht, daß sie jetzt hier studiert. So ist sie am Sonntag, vorgestern, bei mir gewesen und hat einen leidlich gesunden Eindruck gemacht. Sie hat nur wenig Collegs belegt, und erklärt auf meine Mahnung hin, sich vernünftig zu ernähren: "denn sie müsse doch durchhalten, da sie das Studium gegen den Willen der Mutter durchgesetzt habe." Sie ist hier weiter in ambulanter Behandlung.
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Es ist nun leider jetzt so, daß ein solcher Besuch, – wir gingen "Blümchen pflückend" ein Stück hinter der Kirche am Berge aufwärts – mich so müde macht, daß ich mich zu dem üblichen Sonntagsbrief nicht mehr aufraffen konnte. – Gestern habe ich dann definitiv an Hermann abgeschrieben. Es gibt da allerlei, was mich hindert, was ich Dir lieber mal mündlich sage. Denn in andrer Hinsicht würde ich gern mal kurz hingehen.
Mit dem Zeichnen scheint es fürs erste mal wieder ein Ende zu haben. Ich vermute, daß die Mittel der Klinik für diese Zwecke etwas erschöpft sind. – Es ist da überhaupt in mir eine gewisse Verstimmung gegen den unvernünftigen Assistenten, der mir so Blödsinniges zumutete. Naturgemäß hatte mich diese Fehlunternehmung deprimiert; denn so bereit ich bin, Fehler anzuerkennen, so weiß
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| ich doch auch, daß ich etwas kann! Und auf diese Art war es unmöglich. – Aber die Freiheit und Ruhe da oben haben mir die innere Sicherheit wiedergegeben. Es war wie ein Schweben in einem tragenden Element, so wie der Raubvogel dort, der mit ausgebreiteten Schwingen über dem Dorf kreiste. —
Zum Dank habe ich jetzt Kohlers, den "Wandervögeln", Deine Pädagogischen Perspektiven geschickt. Sie sind bei Otto in guten Händen. – Von dem, was ich hier in Heidelberg an Anregung haben könnte, mache ich leider wenig Gebrauch. Aber es gibt ja die Zeitungsberichte, die einem zeigen, ob man was versäumte!
Du wirst finden, daß dieser Plauderbrief schon länger als nötig ist, und ich bin auch schon recht müde. Darum für heut Schluß. Alle Freunde fragen immer nach Dir, und mir bist Du bei allem guten Erleben immer gegenwärtig. So grüße ich Dich innig mit vielen guten Wünschen.
Deine
Käthe.