Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Juli 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Juli 1951.
Mein liebes Herz!
Es war mir schon selber zu meinem Mißfallen bewußt geworden, wie wenig gerade in einen Geburtstagsbrief meine Erwähnung des minderwertigen Befindens paßte. Es hatte nicht nur physische Ursachen, sondern die unerfreulichen Erlebnisse im Zusammenhang mit meinen letzten Arbeiten in der Augenklinik hatten mich derart verstimmt, daß ich schließlich eine Aussprache mit Prof. Engelking herbeiführte. Damit ist nun eine grundsätzliche Verständigung erzielt und ein allseitiges gutes Einvernehmen hergestellt, Einzelheiten zu erzählen, wäre zu umständlich, ich kann Dir nur versichern, daß ich mit dem Erfolg innerlich zufrieden bin. Ich hätte das vielleicht früher tun sollen, aber es mußte
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| wohl erst in mir völlig verarbeitet sein.
Deine Karte aus Alpirsbach, die von dem Eintreffen Deiner Schwägerin und dem netten Zusammensein mit der Familie berichtete, war mir eine herzliche Freude. Und nun Dein lieber Brief natürlich erst recht. Nur mit dem Schnupfen bin ich garnicht einverstanden. Denn auch mir schien das Exemplar, das Du bei Deinem Hiersein vorführtes für lange ausreichend. Hoffentlich ist es nun bei der erneuten sommerlichen Wärme rasch überwunden.
Übrigens was das mit den Jahrzehnten betrifft, so habe ich sagen wollen, wir nähern uns dem Ende – ich nämlich der Siebziger, und Du entsprechend 10 Jahre weniger. Ich wollte mich nicht jünger machen!! Was mir aber als selbsterprobtes Mittel gegen die altersgemäßen Herzbeschwerden meistens hilft, ist ein tiefes, gleichmäßiges Atmen. – Andrerseits aber ist es ja auch naheliegend derartige Abnahmen der
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| Kräfte als kleine Mahnungen zu empfinden.
Gestern habe ich nun endlich den lange beabsichtigten Brief an Susanne geschrieben. Leider ist er an einem sehr schwülen Tage recht stumpfsinnig ausgefallen. –
Gern höre ich, daß Du an dem alten Buch doch ein wenig Freude gehabt hast. Ich wußte, daß Dir jene Sammlung bekannt war, aber ich dachte, daß jene Bilder vielleicht nicht den Transport mitgemacht hätten. Und gerade diese Berliner wiederzusehen, war mir lieb. Diese alte Art der Wiedergabe rückt die Dinge in eine Distanz, die eine Photographie nicht gibt. Es gibt ihnen eine gewisse Dauerhaftigkeit. –  – In Japan werden Deine Bücher offenbar besser verbreitet als hier. In den Heidelberger Läden sind sie nie vorrätig. Da liegt nur Jaspers überall!
Wie entwickelt sich denn das Seminar? Lohnt es Deine Mühe, die Du daran wendest?
Im Juli sollen nun noch 3 Vorträge sein,
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| wann und wo denn? – Als ich kürzlich suchte: irgend ein kleines Buch als Andenken für Rita Hoffmann, die ihr Abitur bestand, vermißte ich sehr daß weder "Goethes Weltanschauung", noch die "Lebenserfahrung" vorhanden sind. – Dabei fand ich dann auch für mich die Übersetzung Rainer Maria Rilkes von Gide's "Rückkehr des verlorenen Sohnes" und fand darin die Charakteristik durch seinen Freund Schlumberger voll bestätigt: eine fabelhafte Einfühlung in die innere Berechtigung jeder Position. –
Am vorigen Mittwoch war Frl. Held bei mir und wir haben uns recht gut unterhalten. Sie studiert hier mit Maßen, und wird zweimal wöchentlich ärztlich betreut. Irgendwie krank ist sie aber doch, denn sie hat immer geschwollene Füße. – Der jüngere Matussek hat das Staatsexamen mit 2 bestanden. Es tut mir leid, daß er dann bald hier fortgeht. Er ist sehr interessiert eben für eine Schrift von Harnack, die ich ihm geliehen habe. –
Heute, Sonntag, habe ich sehr hübsche Stunden mit Frau Franz auf ihrem schönen Balkon zugebracht. Hérancourts sind beide verreist. Und jetzt will <li. Rand> ich diesen Brief noch zur Post bringen, damit er bald bei Dir ist und Dir <li. Rand S. 3> sagt, daß ich durch die Aussprache in der Klinik wieder "inneren Frieden" habe. <li. Rand S. 2> Und bei allem Erleben denke ich Dein in treuer Liebe u. grüße Dich innig. <li. Rand S. 1> Herzliche Grüße auch an Susanne und gelegentlich an alle, die laut Deiner Karte mich grüßen ließen.
Deine Käthe.