Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. Juli 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 31. Juli 1951.
Mein liebes Herz!
Schon seit gestern früh bin ich in Gedanken dabei, Dir zu schreiben, aber es blieb bei der Absicht, denn ich bin ganz gelähmt von der Hitze. Ich wünsche nur von Herzen, daß es bei Euch erträglicher gewesen sein möchte, denn ich denke mir, daß Du eine eigentliche Erfrischung von dem Tage in Jagstfeld nicht mitnehmen konntest. Es fehlte etwas an dem Reiz der Neuheit und der Möglichkeit lohnender Entdeckungen. – Wie war deann die Rückfahrt? Bei mir war es ruhig und bequem, offenbar noch vor der Stunde allgemeiner Heimkehr. Aber ich war so müde von dem ganzen Tag in Luft und Sonne, daß ich bei "Mauer-Meggese" fast eingeschlafen wäre. Und das Schinkenbrot, das ich den ganzen Tag in
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| der Hitze spazieren getragen hatte, war nicht imstande, mich aufzumuntern. Bei seinem Genuß bedauerte ich Dich, daß ich Dich damit belästigt hatte, und hoffte, Du habest einen vierbeinigen Abnehmer dafür gefunden. Zu Haus kochte ich literweise Kaffee und schlief wie ein Murmeltier. Vorher aber hatte ich noch auf der alten zerrissenen Karte festgestellt, daß in der Richtung, in der wir gegangen waren, noch mehr, als wir bis zur Einmündung der Kocher entfernt gebraucht hatten, entfernt schattenlos und fern vom Wasser, ein Dorf: Untereisenstein liegt. Wir haben daran vermutlich nichts verloren. Denn es war doch in Wimpfen-Tal ganz beschaulich und still, und das Ganze dort hat einen Reiz alter Kultur. –
Ich glaube leider, daß Du mit mir recht wenig zufrieden warst. Ich fühlte freilich Deine nervöse Unruhe mit, aber ich war nicht fähig, Dich abzulenken. – Als ich Deine
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| lieben Zeilen mit der Ankündigung des Zusammentreffens empfing, nahm ich mir vor, einen Zettel anzulegen mit den Notizen dessen, was ich gern mit Dir besprechen wollte. Aber dann kam mir die anstrengende Schneiderei bis zum Samstag abend dazwischen, und ich war nur froh, alles ohne Hast und Unruhe erledigt zu haben. Aber zu innerer Sammlung, wie ich es vorhatte, blieb keine Zeit bei dieser äußeren Inanspruchnahme.
Wohl kam ich sehr froh und aufnahmebereit nach Jagstfeld, und es klappte alles so gut trotz der Verspätung in Sinsheim – aber mich so mitzuteilen, wie ich den Wunsch hatte, war mir nicht möglich. Ich habe ja ohnehin wenig Redegabe und gar Dir gegenüber scheint mir das, was mich betrifft, immer recht unwichtig und ich beschränkte mich umso lieber aufs Hören! Da habe ich natürlich allerlei in der Stille aus Deinen Mitteilungen aufgenommen und herausgefühlt. Aber jetzt
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| möchte ich Dich doch auch noch bitten, schreibe mir auf einen Zettel die Daten Deiner verschiedenen Vorhaben, denn diese Einzelheiten konnte ich in der Eile nicht behalten.
Und ob Du aus meinen konfusen Mitteilungen über die Klinikerlebnisse wohl entnehmen konntest, was mich bei alledem so tiefgreifend bewegte? Es ist nicht die geringere Einnahme oder das verständnislose Benehmen des Assistenten und des rücksichtslosen Chefs, da glaube ich meinen Standpunkt entsprechend vertreten zu haben – es ist der Zweifel an mir selbst, ob ich diese Situation irgendwie hätte verhindern können und sollen, und ob meine Fähigkeiten etwa jetzt versagen!? Ich bin doch durchaus nicht blind gegen das natürliche Nachlassen, (auch daß ich nicht mehr so leichtfüßig bin wie früher!!), aber ich würde doch in diesen Grenzen noch gern das mir Mögliche leisten! Ich weiß, daß Du mich da verstehst. Aber es gibt Zeiten, wo sich Enttäuschungen und Verzichte
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| zu häufen scheinen und ich habe den Familienfehler, immer die Schuld in mir zu suchen. Ich glaube, daß wir uns auch darin uneingestandenerweise ähnlich sind!
Zu den Schwierigkeiten der letzten Zeit gehörte auch eine Korrespondenz mit Walter über die Herrichtung des Grabes von Großmütterchen und Tante. Schon vor einem Jahr hatte er die Sache angeregt und ich bat ihn, da er ja der einzige Verwandte in der Nähe ist, die Besorgung zu übernehmen. Jetzt soll nun auch der Grabstein erneuert werden, der verbombt ist, und ich schickte für die einfache Platte einen Entwurf, wie mir es hübsch zu sein schien und dafür hatte er offenbar kein Verständnis. Die ganze Angelegenheit bekümmert mich recht, denn ich würde sie so gern an Ort und Stelle in Gang bringen, wenn ich noch in Kassel wäre. Ich bin doch "die Nächste dazu", die ich mit beiden
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| am meisten und herzlichsten zusammen lebte. Nun liegt das Grab schon jahrelang verwildert da! Erschwerend ist auch, daß eigentlich niemand in der Familie mehr zu finanziellen Opfern fähig ist – Ruges haben die Lili mit den vier Kindern zu unterstützen und Hermann kennst Du ja! Aber beide haben sich bereit erklärt. Nun möchte ich Dich nur bitten, daß Du mir nicht böse bist, wenn ich die Hauptsache übernehme. Du weißt doch daß ich bereits wieder durch Deine Güte, Geld zurück lege. Ich darf es, wegen der Soforthilfe, nicht irgendwie anlegen, denn mit 70 M monatlich darf man keine Ersparnisse machen. Ich schaffe an Kleidung an, was mir nötig scheint, aber trotzdem brauche ich nicht, was ich monatlich zu Verfügung habe und da kann ich gut vom Laufenden einen beträchtlichen Teil der Kosten beisteuern. Es bedrückt mich nur, daß es ja eigentlich Dein Geld ist, und darum möchte ich Dich
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| bitten, mir dafür die Erlaubnis zu geben. Ich glaube, Du wirst da meine Gefühle verstehen und auch billigen. Es wäre mir eine rechte Beruhigung, aber es würde mich bedrücken, es ohne Dein Wissen zu tun.
Aber nun will ich diesen Brief noch zur Post bringen, denn ich würde gern eine Nachricht haben, wie es Dir geht. Es war so lieb von Dir, mir diesen Sonntag zu schenken, und ich glaube, wir haben ganz günstige Bedingungen dabei gehabt. Denn jetzt ist hier eine Temperatur, die jede Bewegung lästig macht. Ich habe heut nur still in der Stube gelebt und – gedöst!
Sei innig gegrüßt und grüße auch Susanne, sowie Ida. Mit vielen guten Wünschen und dankbaren Gedanken immer bei Dir
Deine
Käthe.