Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. August 1951 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 12.VIII.1951.
Mein liebes Herz!
Du denkst gewiß, ich hätte Deine Äußerung über die Tintenscheu so aufgefaßt, daß Du auch nichts Geschriebenes lesen wolltest aber das ist doch nicht der Fall! Es liegt auch der Anfang eines Briefes seit Tagen in meiner Mappe, aber er blieb stecken! Nicht gerade aus Zeitmangel, aber sonstiger Mangelhaftigkeit. Aber seit die ewigen Gewitter aufhören, lebe ich einigermaßen auf. Täglich prüfe ich den Himmel, ob er wohl Gutes für Freudenstadt verheißt? und da glaube ich, kann man wohl zufrieden sein. Nun hoffe ich also doch bald einmal zu erfahren, ob Du es wirklich bist! Auch ob das Unterkommen Dir gefiel, wo es gelegen ist und was Ihr alles unternehmen konntet? Ich bin froh, daß alles so rasch klappte und Du so bereitwillig zu einem Ausspann warst. War es
[2]
| denn der Mühe wert, daß Du um der außerordtl. Sitzung willen, einen Tag die Abreise verschobst?
Jetzt habe aber erst mal herzlichen Dank für das Bildchen. Wer sind denn die andern Herren? Besonders der mit den funkelnden Brillengläsern! Die Aufnahme könnte in Maulbronn gemacht sein, aber die runden Knäufe der Gewölberippen wollen mir nicht stimmen.
Wenn man von mir eine Aufnahme in Jagstfeld gemacht hätte, wäre der Gegenbeweis geliefert, gegen Deine Bemerkung von der "schlechten Laune"; denn ich war von Herzen dankbar und froh, Dich zu sehen, und daß Du mir diesen Tag gewidmet hast, trotz mancher Hindernisse. Aber man würde auch sehen, daß ich abgespannt und recht passiv war, und das hat mich nicht dazu kommen lassen, von allerlei Dingen zu reden, die ich so gern mit Dir besprochen, und wozu das stille Beisammensein am Ufer, im Gasthaus und im Wimpfen-Tal so gute Gelegenheit gewesen
[3]
| wäre. – Dein [über der Zeile] 2. Vorschlag in Betreff der Kasseler Gräber ist nun das, was ich in der Stille für mich geplant hatte, d. h. von mir aus 50 M beizusteuern, und sehen, was die andern zusammenbringen. Vorlegen könnte ich es natürlich einstweilen, aber wiederbekommen würde ich es bestimmt. Die Grabpflege habe ich bis zur Bombenzerstörung immer bezahlt und werde es gern weiter tun. In Pankow war der Friedhof in allgemeiner Pflege, und der Marienfriedhof wurde wohl von Ruges übernommen. Da habe ich nichts darüber gehört. Aber für Großmütterchen und Tante bin ich doch ganz besonders, auch von Herzen!, verpflichtet. Ich hätte die Sache aber gern auch nach meinem Sinn und Geschmack geordnet, und das ist mit Walter, besonders schriftlich, recht umständlich. Auch meine "Tintenscheu", die wohl noch größer als die Deine, nahezu krankhaft ist, hindert mich mehr, als ich verantworten kann.
Heut aber hatte ich einen recht zufriedenen Tag, und ich glaube, daß ich jetzt Deine Mahnung
[4]
| mit dem laetari anfange zu befolgen. Das bene agere ist eben die Schwierigkeit, denn bei dem besten Willen weiß man nicht, ob man es nicht verkehrt gemacht hat. Deshalb konnte ich ja über die Mißhelligkeiten in der Klinik garnicht hinwegkommen. Denn die Andeutungen über den Verlauf, die ich Dir – recht verworren – gab, sagten ja nichts von dem, was ich dabei durchmachte.
Ich habe augenblicklich auch eine Lektüre, die mich angenehm beschäftigt: Harnack's "Wesen des Christentums". Schon rein formal ist es ein Genuß, und nirgend durch Enge verletzend. – Von Häbler hatte ich einen sehr hübschen Brief, den ich Dir gern mal zeigen würde. Er schildert dabei auch eine Episode, die ganz in den Zusammenhang paßte dessen, was mir Frl. Held heut nachmittag von ihrem jüngsten Bruder erzählte. Es ist überhaupt jetzt immer sehr nett mit ihr, und sie ist belebt und zutraulich wie vordem nie. Es scheint wirklich mit ihr auf dem Wege
[5]
| der Besserung zu sein. Sie wird diese Woche über noch hier bleiben, vielleicht auch bis zum Monatsende. Am Mittwoch wird sie wieder zu mir kommen. – Vermutlich wird sie im Winter wieder bei Dir Colleg hören. Daß ihre Mutter sich damals an Dich ohne ihr Wissen wendete, sei daher gekommen, daß sie geäußert hätte: sie wisse nicht, wie sie mit sich fertig geworden wäre, wenn sie nicht Deine Vorlesungen gehabt hätte. – So siehst Du, mein lieber Einziger, wie Du Wirkung ausstrahlst, weit über das "Fachmäßige" hinaus. Was hast Du denn fürs kommende Semester angekündigt? Vermutlich wäre das letzte gerade auch für sie recht fördernd gewesen. –
Im übrigen möchte ich in Bezug auf mich bemerken, daß es keiner Vorlesung von Dir bedarf, sondern daß schon ein lieber Brief gegen die Skupulosität recht heilsam wirkt. Die Vorlesung ist mir ja doch seit Jahrzehnten nicht mehr zugänglich!
[6]
|
Auch an Maulbronn denke ich manchmal mit Sehnsucht. Aber das ist ja leider für Dich recht umständlich. Über Heilbronn habe ich mich hier zwecks Treffen erkundigt und da gibt es einen Zug 8.33, E Neckarelz 9.07 dann D 9.16 Heilbronn 10.15 – Wenn es von Dir aus ebenso gut ginge, wäre wohl Weinsberg zu erreichen. Doch das nur so nebenher!
Außerdem aber nun noch sehr viele gute Wünsche für eine recht schöne, geruhsame Erholungszeit und herzliche Grüße Euch beiden. Dir aber noch einen ganz besonders von
Deiner
Käthe.