Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. August 1951 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 19.VIII.1951.
Mein liebes Herz!
Unsre Briefe hatten sich gekreuzt, aber Deine Zeilen waren schon die Antwort, so sehr, daß ich beinah zweifelte, ob Du nicht doch etwa meinen Brief schon gehabt hättest? – Nur daß Du von etwas Melancholie schreibst, betrübte mich und liegt mir dauernd im Sinn. Aber ich hoffe, der viele Sonnenschein und die sonnigen Erinnerungen, die dies Freudenstadt für uns beleben, wird diese leichte Trübung verscheucht haben. Ich meine sogar mein letzter Brief hätte Dir auch von freudiger Stimmung reden können, denn ich bin entschieden über die lang dauernde Depression jetzt fort. Ganz besonders haben dazu wie immer Deine lieben Briefe beigetragen, erst der aus Tübingen, aber noch viel mehr der letzte. Zudem habe ich mir auch redlich Mühe gegeben, wieder Frieden mit mir selbst zu machen. Das Wort von den unnötigen Skrupeln hat sehr meine Zustimmung gehabt. Gerade mit Frl. Held hatte ich kurz vorher davon gesprochen, daß ich aus eigener Anlage viel
[2]
| Verständnis für ihre vielen unnötigen Bedenklichkeiten hätte, daß ich sie aber "mißbillige".
Alle Einzelheiten, die Du mir von Eurem Aufenthalt erzählst, haben mich brennend interessiert, wenn ich auch nicht mehr von allem ein anschauliches Bild habe. Es ist eben doch garzu lange her, und ich habe in der Regel mehr Gedächtnis für irgend eine mir besonders eindrucksvolle Situation. Das aber ist das einzig wunderbare Schöne, daß in uns in der Erinnerung an jene Zeit ein unzerstörbares lebensvolles Glücksgefühl geblieben ist. Und darum denke ich, das wird auch die leise Alters-Melancholie, die wohl ganz natürlich mit den Jahren kommt, davon besiegt werden.
Hast Du aus diesen schönen Sommertagen nun wieder Anregung und Mut zum eigenen Schaffen und zum anspruchsvollen Beruf geschöpft? Deine wiederholte Klage über die enormen brieflichen Verpflichtungen haben mir schon oft Gedanken gemacht, wie dem wohl abzuhelfen wäre? Aber es ist doch auch ein wichtiges Gebiet Deines geistigen Einflusses. Da habe ich z. B. vom 9.VIII. einen liebenswürdigen Brief von Häbler, der sehr dankbar
[3]
| schreibt von einer Antwort, die er auf eine Anfrage in Erziehungssachen von Dir erhielt, die ihn "sowohl nach Inhalt wie Form von Herzen freute." Ich soll Dir zureden, etwa mal auf dem Wege in die Schweiz, sie da oben zu besuchen. Da würde ich gern dabei sein! – Solch Brief [über der Zeile] von Dir war nicht vergeblich, aber es gibt ja auch Fälle, wo es bloß eine Höflichkeitsform ist, oder ein unberechtigter Anspruch an Dich und Deine Güte. Aber es ist sicher schwer, da immer zu unterscheiden und Du tust lieber zu viel als zu wenig. Da müßtest Du entschieden etwas härter werden, und doch vermißt Du jeden, der Dir nicht schreibt! (Siehe Matussek!)
Bei mir ist es gerade umgekehrt. Ich habe nichts als Briefschulden, und sie bedrücken mich. Aber es kommen immer neue dazu, denn treue Seelen schreiben mir trotzdem!
Die Aussicht, die Du mir im Zusammenhang mit der Notgemeinschaft andeutest, ist mir eine stille Freude. Möge sie Dir in jeder Weise erfreulich sein.
Wenn ich nur wüßte, ob Ihr am Montag noch in Freudenstadt seid, da dieser Brief nicht früher dort sein kann! Ich hatte eine ziemlich bewegte
[4]
| Woche – Mittwoch Frl. Held, Donnerstag bei Frl. Mathy und abends Christengemeinschaft!! Freitag Kohlers bei mir, gestern Ziegelhausen – – das ist ja alles nicht wesentlich, aber es füllt meine Zeit aus und ich bin dann müde. Darum bleibt es dann nur bei den Gedanken, die nicht zu Papier kommen. Wird Frl. Silber über Tübingen fahren? Ich hatte einen freundlichen Gruß aus dem Engadin, hätte mich sehr über ein Wiedersehen gefreut.
– Ob wohl Susanne besonders froh war über die Nähe von Alpirsbach? Ich denke so oft daran, wie schön es ist, daß Du ihr helfen konntest, die Schwester aus der traurigen Vereinsamung zu holen. Möchte sie sich doch wieder im Leben wirklich zurechtfinden! Mich hat der Eindruck recht beschäftigt, den ich von den Ansprachen bei dem Abend der Christengemeinschaft hatte. Es leuchtet solch eine warme Gewißheit aus diesen Menschen. Man gewinnt kein klares Bild aus ihren Worten von dem, was sie so erfüllt, aber man fühlt: sie haben ihren Weg gefunden. Es ist wohl eine Gegenwartsform der christlichen Überlieferung, für die sie aber noch auf den
[5]
| wiederkehrenden Christus hoffen. Steiner ist wohl der neue Johannes der Täufer für sie. Ob es überhaupt wünschenswert ist, daß die Menschheit immer wieder nach einer Einheit der Überzeugung strebt? Wohl nach dem Ausströmen der eignen, das Leben tragenden Gewißheit! Das ging sehr eindrucksvoll aus dem Bericht einer Frau aus der Ostzone hervor, die von dem beglückenden Erfolg ihrer "Arbeit" erzählte.– Die Bewegung strebt danach, sich zu einer internationalen Gemeinschaft zusammen zu schließen und sie hatten hier eine "Synode". Es ist eben wie beim Protestantismus das Bestreben der Religion einen berechtigten Platz im gegenwärtigen Leben zu schaffen, und es hat seine Kraft in der Gewißheit, die es in der einzelnen Seele erzeugt, aber es wird wie dieser nicht kirchenbildend sein – oder dabei erstarren. – Es hat mich schmerzlich bewegt, wie bei Harnack die Vorträge die so warm und innerlich anfingen, zuletzt so resigniert und skeptisch in Bezug auf die Kirche ausklingen. Da gibt mir die Magie
[6]
| der Seele viel mehr innere Zuversicht. Ich denke mit Dankbarkeit an den Unterricht von Scholz, der als geistiger Zeitgenosse von Harnack, der mir die Gestalt Christi liebevoll nahe brachte, ohne dogmatische Fesseln. Und in Deiner Weltfrömmigkeit kam mir dann die Bestätigung vom Recht des Weges, den ich mir im Laufe des Lebens allein gesucht hatte. Der Wert der Christengemeinschaft aber scheint mir darin zu liegen, daß sie wieder das Evangelium vom kirchlichen Zwang frei macht; aber sie bringt statt dessen Bilder einer mystischen Phantasie [über dem Ph] ?. –  –
Aber habe ich mir den Weg allein gesucht? Ich fand ihn doch nur im gemeinsamen Wandern mit Dir!
Als Kohlers am Donnerstag bei mir waren, haben sie von meinen Bildheften das Blaue Buch der deutschen Dome ausgesucht, anstelle des Atlantikheftes von Berlin, das ich nun mit gutem Gewissen behalten kann. So ist
[7]
| beiden Teilen geholfen. Ich hoffe, Du kommst bald einmal, Dir die alte Heimat bei mir anzusehen. Sie ist doch unzerstört in uns.
Die kleine Held wird im Winter nach Tübingen kommen. Hier war sie noch einmal für einige Wochen, wurde aber durch den Tod der Großmutter genötigt, rasch nach Schwäbisch-Hall zu fahren. Sie kam nur, um mir das zu erzählen. Sie ist sehr vertrauend und herzlich immer. Auch fürs Materielle scheint sie zugänglicher geworden zu sein.
In der Hauptsache habe ich diesen Brief auf dem Balkon geschrieben. Die Wohnung gehört mir augenblicklich allein, denn Trudel fuhr gestern abend auf Urlaub an den Chiemsee, und Rudolf ist schon länger bei Verwandten auf einem Gut in Hessen. – Es war ein stiller warmer Tag, aber das Barometer fällt und der Himmel war voller Schäfchen, da bin ich nicht sicher, ob Euch das gute Wetter treu bleibt.
Von allen Bekannten sind nur Buttmis zu Hause geblieben. Aber zu den geplanten, gemein
[8]
|samen Spaziergängen ist es noch nicht gekommen. Im ganzen genieße ich so eine Art Ferienstimmung. Ich lasse mir in allem Zeit und vermeide jede verschiebbare Arbeit. Wenn ich nur einmal die Energie aufbrächte, Briefe zu schreiben! Aber da sind auch die vielen Augenschmerzen ein Hindernis und im Zweifelsfalle gehe ich lieber aus oder – schlafe.
Und so will ich es auch jetzt machen: erst an den Briefkasten und dann ins Bett.
Nun hoffe ich, daß Ihr noch einige recht schöne Tage in Freudenstadt haben könnt, denn die Arbeit in Tübingen läuft ja nicht fort. Ich meine, Du solltest die günstigen Bedingungen, die sich diesmal boten, recht ausnützen. Es kommt dem Winter zugute. Laß Dir noch innig danken für all Deine lieben Worte und sie von ganzem Herzen erwidern. Und wir wollen in Zuversicht es weiter mit dem Leben aufnehmen.
Dir und Susanne herzliche Grüße von
Deiner
Dir immer nahen
Käthe.

[li. Rand] Ich freue mich, daß die Federn recht sind! Empfehle mich für weiteren Bedarf.