Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. August 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26.VIII.1951
Mein liebes Herz!
Der Sonntag sollte mir wieder ein rechter Feiertag werden beim ungestörten Schreiben an Dich; eben wollte ich mir einen richtigen Kaffee aufgießen, um den schwachen Geist etwas aufzufrischen – da klingelt es, und an der verschlossenen Haustür steht Hanna Héraucourt, die gestern aus Fontainebleau zurückkam. Da wurde der Kaffee entsprechend verlängert und der halbe Nachmittag ging mit den Berichten ihrer Erlebnisse dahin. Es war ganz unterhaltend und nett, aber ich bin doch froh, [über der Zeile] daß ich jetzt endlich (um ½ 7 Uhr) allein auf dem Balkon sitzen kann und mit Dir plaudern! Ich bin nämlich die ganze Woche in der Wohnung allein gewesen und erst heut nacht kommt Trudel von ihrer Ferienreise an den Chiemsee. Rudolf ist noch bei den Verwandten im Hessischen. Groß ist der Unterschied ja nicht, was den menschlichen Verkehr betrifft, es ist vielleicht nur ein gewisses Gefühl von Sicherheit, wenn noch andre
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| in der Nähe sind, und so überwiegt bei mir wirklich das Behagen bei dieser Unabhängigkeit. Ich sehe darum recht, wie belastend der Umgang mit diesen Geschwistern für mein Gefühl ist, weil man eigentlich nie weiß, wie man mit ihnen dran ist! Besonders mit der launischen Trudel, die übrigens vor ihrer Abreise recht liebenswürdig war, wohl animiert durch die Vorfreude. Ich will versuchen, die Tonart festzuhalten, aber auf Mißerfolg gefaßt sein! –
– Doch nun möchte ich Dir mal erst sehr herzlich für Deinen lieben Brief danken, den ich schon oft gelesen habe, denn es steht so manches darin, was mich recht beschäftigt. Vor allem hat es mich betrübt, daß diese Ferientage nicht so sonnenklar waren, wie ich mir nach dem Bericht über die mancherlei hübschen Unternehmungen ausmalte. Es bekümmert mich sehr, daß Susanne und Du noch fortdauernd rechte Sorge um die Schwägerin Jenny habt. Ich muß freilich gestehen, daß ich schon im voraus rechte Bedenken bei der ganzen Sache hatte und daß ich auch
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| Familie Heß bedauerte, deren häusliches Behagen doch auf alle Fälle beeinflußt wurde. Du hältst nun das Benehmen der Frau Jenny für krankhaft, aber es wird da sehr schwer sein, in der Situation Klarheit zu schaffen. Bei Tante Jenny lag dementia praecox vor, sie war nur einfach unfähig, ihrem Haushalt vorzustehen, aber liebenswürdig im Umgang. Mutter Lili hat nicht den Versuch gemacht, sie bei sich aufzunehmen und das war sicher gut um der Kinder willen. Da Tante Jenny nie mehr Briefe schrieb, schlief der Verkehr mit ihr völlig ein. Nur einmal habe ich sie in der Anstalt besucht, aber in der ungewohnten Situation so befangen und schüchtern, daß sie bestimmt wenig Freude daran haben konnte. Ich denke oft noch jetzt mit Bedauern daran, als an eine versäumte Gelegenheit, Gutes zu tun. "Es ist das alte Lied und Leid – daß die Erfahrung erst gedeiht, wenn Mut und Kraft verrauchen –" das ist bei mir in hohem Maße der Fall, und es ist mir eine ständige Mahnung, wenigstens jetzt wachsam und bereit zu sein. Du ermahnst mich ja zur Tapferkeit, auch durch gutes Beispiel,
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| und sehr hübsch schreibt mir Häbler: "Gott gebe Ihnen viele sonnige Stunden, und wenn trübe kommen, dann die Kraft, sie mit Segen zu ertragen."
Sonnige Stunden hat er mir vorigen Donnerstag geschenkt, wo ich schon um ½ 11 Uhr mit Frl. Seidel durch den angenehm "kühlen Grund zum Bierhelder Hof ging, wo es einen vorzüglichen Eierkuchen mit Salat gab. (1,50) Nobel, wie die Damen zu sein pflegen, ohne Getränk! Der Kaffee war am Speyrer beabsichtigt, wo aber Betriebsruhe war. Frl. Seidel wußte schon von der Absage der G.G., da sie einen Bruder in Weimar hat. Sie meinte es handle sich darum, daß die Kommunisten einen ihrer Leute in den Vorstand haben wollten. Aber vielleicht ist das Laiengeschwätz? Wenn diese unerfreuliche Sache Dich aber öfters durch Heidelberg führen sollte, wäre sie mir doch auch erfreulich.
Frl. Held ist jetzt noch bis Ende des Monats hier. Sie kam nach ihrer Rückkehr von Schw.-Hall wieder zu mir, und machte einen ganz frischen
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| Eindruck. Es schwebt noch der Plan in der Luft, daß wir zusammen nach Speyer fahren wollen, das sie noch nicht kennt. Aber dazu wird kaum noch Zeit sein, und der nächste Mittwoch wird vermutlich das letzte Zusammensein bringen.
Am letzten Freitag, als Du Dich wieder zu Haus einrichtetest und über die Drucksachen freutest!!, las ich in der Stille mit großem Eindruck die Maccabäer-briefe. Das ist ja wie ein klassisches Bild unsrer heutigen Zustände in knappster, getreuer Form. Aber woher wollen wir die zündende Kraft zu neuer Sammlung nehmen, da weder der religiöse noch der politische Gedanke lebendiges Echo findet? Wird die schlummernde Saat nicht bald einmal aufwachen? Du hast Deine große Gemeinde dazu bereitet und ich möchte mit Häbler sagen: möge doch Gott seinen Segen dazu geben – bald!
Am vorigen Montag kam völlig überraschend die jüngste Tochter von Winter's, Hanni Poppe,
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| mit ihrem 10–12jährigen Sohn, die bei mir Rat suchte wegen des Familiengrabes. Man hatte sich besonnen, daß der Name von Tante Aenne noch nicht auf dem Stein steht und wollte das jetzt nachholen lassen. Ich finde aber, da ja jeder Näherstehende weiß, daß sie im Grabe der Eltern auch ruht, genügt ja deren Name und die frischen Buchstaben auf dem Stein würde[] n ihn nicht verschönen. Aber die Bepflanzung hätte eine Erneuerung nötig. Darüber soll nun in dieser Woche Näheres beschlossen werden. – So bin ich auf einmal mit lauter Friedhofsfragen beschäftigt. In betreff der Kasseler leider sehr abhängig von der etwas lahmen Hilfe.
Von Eurer Ida bekam ich eine freundliche Karte mit einem hübschen Bild von der wohlbekannten "langen Gasse", und von oben guckt der Turm der Stiftskirche herein.
Ich wollte noch erwähnen, daß ich neulich
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| in der Zeitung las, man wolle jetzt, um die teure Herstellung von Büchern in Blindenschrift zu vermeiden, ein Gerät anfertigen, mit dem man gedruckte Buchstaben hörbar macht. Ich geriet zwar in Zweifel, ob es nicht ein Aprilscherz wäre, aber es war ernsthaft gemeint, und so möchte ich doch empfehlen, darüber mal Erkundigung einzuziehen, ehe man sich auf solche Sache einläßt.
Nun ist es längst dunkel und still draußen geworden, und es wird gut sein, den Brief noch in den Kasten zu bringen. Noch wenige Tage und der Tag unsrer Wanderung zum Weißen Stein jährt sich zum 48sten Male. Mir ist das alles noch so gegenwärtig, als wäre es gestern gewesen. Und tief berührte mich in deinem letzten Brief die Erwähnung des Wassers der Wolfach. Daß auch Du Dich noch an den abendlichen Gang neben dem
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| schwarzen, rasch fließenden, unheimlichen Gewässer erinnerst, war mir ein beglückendes Geschenk. –  –
Und nun nimm noch einen herzlichen Gruß im gleichen Sinne wie damals! Ich hoffe, Du hast Deine Arbeit mit Befriedigung wieder anfangen können, und es zeigen sich recht wenige unerfreuliche Knoten.
Grüße Susanne vielmals und sage Ida, daß ich mich über ihre hübsche Karte gefreut habe.
Immer in gleicher Treue
Deine
Käthe.