Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. August/1. September 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 31. August 51
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Mein liebes Herz!
Es ist gerade eben noch Zeit, an unserm Gedenktage einen Gruß an Dich zu schreiben. Ich komme gerade erst vom Leseabend bei Buttmis und war tags über stundenlang in der Stadt, sodaß ich garkeine ruhige Stunde fand. Daß es nicht nur eine Folge Deiner lieben Karte war, daß ich mit meinen Gedanken besonders lebhaft bei Dir war, weißt Du ja selbst! Aber es ist mir leid, daß ich nicht dazu kam, wie es meine Absicht war, Dir das Papierbecherlein zu schicken; schon gestern sollte es abgehen, aber da war ich den ganzen Tag im Wald auf Deinen Spuren! Nicht am Weißen Stein – aber ich ging wieder den Weg zum Speyerer Hof, den
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| Du seiner Zeit so gern hattest; allerdings nur in der Richtung gegen der Stadt, denn ich war mit Hanna Héraucourt auch wie neulich mit Frl. Seidel am Bierhederhof gewesen, in herrlicher Waldeskühle, und kam dann mit ihr wieder in die Gluthitze des Neckartals zurück. Wie sehr wünschte ich bei dieser trotzdem genußreichen Wanderung, Du möchtest da an meiner Seite gehen! Deine liebe Karte sagte mir, daß Du solche Gedanken spürtest! Das fühle ich mit innigem Dank.
Aber betrübt bin ich, daß Deine Schreibhülfe wieder mal versagt hat. – Nach der Rückkehr von dem langen Aufenthalt in Ruhe und guter Luft, suchte ich noch Frl. Held auf, die am Tage vorher bei mir war und über starke Schmerzen geklagt hatte. Ich fand
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| sie recht elend im Bett, trotzdem wollte sie am Sonnabend nach Haus reisen und heute packen. Als ich heute wieder nachfragte, war sie aber zu dem Arzt in die Klinik gegangen und auch bei einem zweiten Versuch, traf ich sie nicht an. Ihr Zustand macht mir Sorge, aber bei der seltsamen Art der ärztlichen Behandlung und Auskunft sieht man nicht klar, ob der Zustand eine organische Ursache hat.
Lebhafter als alles Gegenwärtige aber steht mir in allen Einzelheiten jener Tag vor Augen, den wir an dem Weißen Stein mit einander erlebten: der Aufstieg auf dem steilen Weinbergsweg, die Aprikosen auf der Höhe!, das Quellchen am Zollstock, die Rast am Waldesrand oberhalb Wilhelmsfeld – – der heraufziehende Abend im Schriesheimer Tal, der Mond und das Volkstreiben dann
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| im Dorf – alles gewann seine Bedeutung und alles was Du sagtest, blieb mir im Sinn. Wie seltsam ist es um solch bedeutungsvolle Stunden, die so ungesucht über uns kommen. Sie waren die Einleitung für einen ganz ungeahnten Segen und Reichtum, der fortan mein Leben erfüllte.

– Auch heute, am 1. September, ist es wieder Abend geworden, ehe ich an den Schreibtisch komme. Es würde Dich morgen, am Sonntag, ja keine Nachricht erreicht haben, so tröste ich mich etwas über die Verzögerung, aber es bedrückt mich, denn es ist so ganz gegen meine Absicht und Gewohnheit. Es ist eine äußere Unruhe in diesen Tagen gewesen, die nicht nach meinem Sinn war. Dafür hoffe ich aber morgen ganz still daheim zu sein und Dir zu schreiben. Heute war morgens der Haushalt zu besorgen, um 2 Uhr nach dem Essen war ich bei der Eröffnung
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| des Postamts zur Auszahlung der Altersrente, erst vor der Tür, dann im Schalterraum eine ganze Stunde im Gedränge. Die Organisation, die mit der Nachzahlung in Unordnung gekommen war, wäre wirklich erzählenswert! – So kam ich um die gewohnte Ruhestunde, und um 4 Uhr war Frl. Mathy da, die nach dem Kaffeetrinken mit mir auf den Friedhof ging, um über die Herrichtung des Knapschen Grabes an Ort und Stelle zu beraten. Auf dem Grabstein wäre noch gut Platz für die nötigen Buchstaben und ich soll im Auftrag der Familie einen Kostenanschlag machen lassen.
An der Elektrischen trennten wir uns, und ich ging noch an der Wohnung von Frl. Held vorbei, die wirklich nach Haus gereist ist, und wieder relativ wohl gewesen sein soll. Ist das alles nun Einbildung
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| oder Theater? Ich kann es mir nicht denken, denn ich habe recht gute Eindrücke von ihr gehabt.
Auch um Hanna Héraucourt kann man besorgt sein. Sie kam so frisch und braun gebrannt voller Arbeitslust von der Reise, und wollte jetzt eifrig nach einer Anstellung suchen. Da kommt gestern die Nachricht, daß die Mutter in der Pfalz ernstlich erkrankt ist, und sie zur Pflege dort nötig ist. Wenn sie nun vor dem Oktober keinen Posten findet, bleibt sie den Winter wieder arbeitslos und sie leidet sehr unter diesem Gedanken.
Auch Frau Buttmi ist sichtlich nicht recht gesund, die Aufregungen mit der Schwiegermutter waren anfangs, ehe sich die Verhältnisse einrichten ließen, zu viel für ihre Kräfte.
So bin ich eigentlich von lauter betrübenden Eindrücken in meiner Umgebung bedrückt.
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| Und wenn ich bei mir selbst meine, wieder mit größerer Zuversicht dem Leben standzuhalten, dann kommt mir das beinah wie eine Anmaßung vor. Wie gern möchte ich mich doch auch noch irgendwie nützlich machen können! Statt dessen empfinde ich eine geradezu rapide Abnahme der Fähigkeiten.
Darum blieb auch all das, was mir in diesen Tagen durch den Sinn ging, ungeschrieben. Ich bilde mir ein, es wäre gut, es mal persönlich aussprechen zu können, aber ich weiß doch genau, daß ich dabei die Worte noch weniger finden würde. Darum, mein liebes Herz, muß ich Dich doch wieder bitten, wie so oft schon, das Ungesagte zu verstehen, und meine Hülfe zu bleiben, in guten und trüben Tagen!
Von Anbeginn Dir in Treue verbunden
Deine
Käthe.