Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26./28. September 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26. Sept. 1951
Mein liebes Herz!
Vor mir stehen noch einige der Zeitlosen, die schon im Verblühen waren, als ich die andern für Dich verpackte. Die haben hoffentlich die Reise gut überstanden und Dir ein wenig Freude gemacht. Jetzt steckst Du nun in der Examenswoche und das ist weniger erfreulich! Ich wüßte aber gern wie es in Beuron und in Plochingen war? Es kommt mir sehr lange vor, seit Du hier abreistest.
Meine Gedanken stehen noch immer unter dem Bann der Eindrücke, die mir Deine wundervolle Rede und dann die Erzählung Deiner damit verbundenen Erlebnisse brachte. Ich hatte wohl viel davon erwartet, aber Du hast durch die überlegene Höhe und Gesinnung, durch die schlichte Klarheit und Gedankenfülle die Feier zu einer Bedeutung
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| erhoben, die sie an sich nicht hatte. Es war für mich so ganz der beglückende Ausdruck echt deutschen Wesens, daß es mich mit Andacht und Dankbarkeit erfüllte. Da war "die Macht des Geistes, der uns Vertrauen für die Zukunft gibt." – So fühlte ich es tief, und es macht mich immer von neuem glücklich, wenn mir bei anderen Ähnliches entgegen kommt. Ich vermeide es mit Scheu, eine Kritik herauszufordern, aber sie kommt mir von verständnisvoller Seite überall entgegen. Du kennst ja Frau Heinrich, sie ist eine kluge, nüchterne Frau. Sie sagte mir, es sei ihr "ein Erlebnis" gewesen. – Die Schwestern Mathy waren ganz begeistert und — Frl. Held war voll Bewunderung, wie auch ihr Vater. Und so wird Deine Wirkung weit über das hinaus strahlen, was Dir zur Kenntnis kommt. Ich wüßte nun gern, ob Du wohl auch verständ
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|nisvolle Zeichen davon erhieltst?
Bist Du erstaunt, daß ich Frl. Held sprach? Sie war für einen Tag hier und holte sich bei ihrem Psychotherapeuten die Zustimmung, das nächste Semester in Tübingen zu studieren. Sie kam vorher auch zu mir und war echt freundschaftlich; aber sah ziemlich elend aus. Hoffentlich hat der Dr. sie freigegeben.
Wir haben hier in Heidelberg h eine Gerichtsverhandlung gehabt gegen einen Psychotherapeuten, der seinen Patienten zu Tode behandelt hat. Würde Dich der Fall interessieren, dann schicke ich Dir die Zeitungsberichte? Weizsäcker hat nicht gut dabei abgeschnitten und es soll überhaupt zwischen seiner Klinik und den Psychiatern eine stille Feindschaft bestehen.
Auch gegen die Hochschulen im allgemeinen hat man allerlei einzuwenden. So kritisiert "Christ und Welt", daß die Rektorenkonferenz in Köln gegen die Eingliederung amtsverdrängter Dozenten sei, und Nachprüfungen ver
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|lange. Ich könnte mir denken, daß dies ein berechtigtes Verlangen und nötige Abwehr sei. Was hältst Du davon? Es gibt doch mancherlei "Gottesgaben"! – Der Bericht aus dem Amerika-Haus wird Dich vielleicht interessieren. Es soll da eine Verwaltung geben, durch die man aufgefordert wird oder sich anmeldet!!
Der "kleine Matussek" ist leider verreist und zum Winter geht er vermutlich nach München. Vom "großen Bruder" bekam ich eine Dankkarte für die Gratulation zur Hochzeit aus Locarno. Die hier hinterbliebene Frl. Reinhard wird vorläufig den "nicht ganz vollwertigen Ersatz" abgeben.
Und sonst ist von mir zu melden, daß ich jetzt auch einen Popeline-Mantel habe, der mich nicht voll befriedigt, aber von andern an mir gelobt wird. Er ist so lang, daß ich beinah drauf trete, also wird er hoffentlich nicht Deinen Tadel erregen!

28./ In den Film bis auf den Meeresgrund bin ich leider nicht gekommen, wie ich überhaupt sehr wenig fertig bekommen von meinem Vorhaben. Auch dieser Brief blieb liegen wegen großer Müdigkeit. Drum will ich ihn heut einfach abschicken, vielleicht sagt er Dir <li. Rand> von meinen steten, innigen Gedenken. Ich grüße Dich mit vielen guten Wünschen. Deine Käthe.