Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Oktober 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Okt. 1951
Mein liebes Herz!
Dein lieber Brief hat mich recht schuldbewußt gemacht, und es war mir nur lieb, daß der meinige schon unterwegs war und Du ihn hoffentlich noch am Sonnabend erhalten hast. Ich hatte garkeine Ahnung, daß wirklich solch lange Zeit seit meinem letzten Schreiben vergangen war, denn in Gedanken hatte ich schon oft dazu angesetzt, aber die tägliche Beschäftigung ließ mich nicht dazu kommen. Ich besinne mich noch darauf, daß ich zwei Vormittage lang auf der Suche nach passender Wolle für eine Jacke von Hanna Heraucourt unterwegs war. Also, ich war nicht eigentlich faul, aber – es hatte nicht gelangt! und die Zeit geht garzu schnell.
Daß ja nicht wieder eine Pause eintritt, die Dich beunruhigen könnte, will ich heut abend noch anfangen zu schreiben, denn es ist mir das Schlimmste, wenn Du wartest. Heut nun ist es schon 7 Uhr vorbei und um 8 kommen Norbert Matussek und Frl. Reinhard, die gern
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| Deine Bonner Rede bei mir lesen wollen. Ich werde nicht gern hören, wenn ein andrer liest, und doch scheue ich mich es selbst zu tun, denn es klingt mir noch Deine Stimme im Ohr, wie ich sie am 12. September hörte.
Welch eine Fülle von Arbeit hast Du seitdem wieder bewältigt! Es war wohl manches Erfreuliche dabei. Aber das Schönste war mir doch, daß Du nun gewiß bist, in Litt einen wirklichen Freund zu haben. Das ist ein kongenialer Gefährte, wie Du ihn doch so lange vergeblich gewünscht hast.
Ich bin gespannt ob der Bericht von G. Heß über die "Tübinger Tagung", die Beziehung von Universität und Schule, irgend welchen Zusammenhang mit der von Dir angeregten Diskussion über Berufserziehung hat.
Die schönen Herbsttage scheinen jetzt abzunehmen. Auch hier fangen die Wälder an, bunt zu werden, und es wird eine wunderbare Obst- und Weinernte eingebracht. Vorläufig hat michs noch nicht trübe gestimmt, solange noch täglich die Sonne zu sehen ist. Etwas frostig ist es freilich
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| schon in meinem sonnenlosen Zimmer, denn durchheizen kann man noch nicht. Ich spare durchaus nicht, mein Einziger, aber vormittags bin ich doch immer unterwegs, teil einkaufend, teils in der Küche, aber zur Nachmittagruhe wärmt der Ofen bereits, denn ich fürchte mich wirklich vor der Kälte, und finde sie in der Übergangszeit am unangenehmsten. –  – Du schreibst so lieb fürsorglich, ich solle mir die Kohlen tragen lassen. Zweimal in der Woche tut das ohnehin Frau Petri und das Übrige kann ich gut, indem ich jedesmal den Eimer nicht so voll schöpfe. So ist es vorläufig noch nicht nötig.
Statt dessen hatte ich allerlei größere Ausgaben, wie Wäsche und "Dergl.". – Auch ist leider an dem guten, behaglichen Lehnstuhl das Fußgestell zu Herausziehen entzweigegangen und der Tapezier fordert dafür 8 M. Auch an dem hübschen gelben Biedermeierschrank zerbrach mir eine Glasscheibe – so wird halt alles bei mir und an mir abgängig!
Hanna Héraucourt hat jetzt eine Vertretung bei Buchhändler Ziehank übernommen und
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| arbeitet da bis an den Rand ihrer Kräfte. Sie sieht abends, (sie war gestern bei mir) aus wie ein Geist, und zweifelt selbst, ob sie es aushalten wird. Aber sie wollte doch so gern wieder in Tätigkeit kommen. Auf den Rat, doch lieber erst völlig gesund zu werden, meinte sie: es kommt bei mir doch immer wieder etwas Anderes! Es macht mich sehr traurig, daß man ihr so garnicht helfen kann, aber es freut mich, daß sie zu mir kommt, wenn sie eine Gefälligkeit braucht.
10 Uhr! Frl. Reinhard kam allein und las etwas in dem Band der Goethegesellschaft mit den Briefen Goethes an Frau v. Stein aus Italien. – Und ich werde nachher noch etwas zu Schiller gehen, in Vermittlung von Scherr. Erst aber will ich diesen Wisch noch in den Kasten bringen und ihm sehr viele innige Grüße mitgeben und die Bitte, mir die unfreiwillige Pause zu verzeihen. Ich hatte auch unterdes verschiedene Briefe zu schreiben, die mir schwer wurden. Da kommt das zu kurz, was ich gern tue. Grüße Susanne herzlich von mir, und auch Ida. In stetem Gedanken, auch ohne sichtbares Zeichen
Deine
Käthe.