Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28./30. Oktober 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. Okt. 1951.
Sonntag abend.
Mein geliebtes Herz!
Ich muß Dir doch wenigstens noch einen Gruß nachsenden, wenn er Dich auch nicht in Bonn erreichen wird! Es war so wunderbar schön mit Dir, diese geschenkten Stunden in der klaren Herbstsonne! Sie erfüllen mich ganz mit einer so seltenen Gelöstheit, Frieden und Glück, daß ich es Dir garnicht sagen kann. Auch daß ich Dir von den inneren Conflikten sprechen konnte, die mich recht bedrücken, hat mir das Herz erleichtert. Naturgemäß muß ja bei Dir die Kritik überwiegen, wo bei mir die verwandtschaftlichen Bande ganz ungewollt vermitteln, aber ich weiß doch, daß Deine echte Teilnahme für mich Dein Urteil mildern wird. Ich hätte noch mancherlei
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| auch Tatsächliches in dieser Richtung sagen können und sollen, aber ich bin im rechten Augenblick dann zu erregt und – es war mir auch so entgegen in diesen kurzen Stunden so viel von mir zu reden, wo es doch mein Verlangen ist, von Dir zu hören.
Wie mag nun Deine Reise verlaufen sein? Um die Zeit Deiner Ankunft in Bonn erwachte ich aus stundenlangem Schlaf. Ich hatte den Rückweg von der Bahn zu Fuß über den Friedhof gemacht, um zu sehen, daß das Knapssche Grab nun endlich die neue Bepflanzung hat. Von dort ging ich die stille, menschenleere obere Straße unter dem fernen Läuten der Sonntagsglocken und befangen in dankbarem Erinnern zurück in meine Klause. – Den ganzen Tag habe ich seitdem
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| nur halb oder ganz schlafend verbracht, denn Du hattest wohl recht, daß die fortwährende Umstellung auf die Durchreisenden, und die stete Sorge, daß irgend etwas gerade für Deinen erhofften Besuch hinderlich werden könnte, hatte mich doch ermüdet. Denn auch bei mir ist die Ermüdbarkeit groß, und in garkeinem Verhältnis zur Leistung. Du darfst Dich nicht wundern bei Deiner übermäßigen Tätigkeit, aber ich habe garnichts an Arbeit aufzuweisen, und da ist es betrübend.
Ob Du heut abend etwas Ruhe für Dich behalten konntest? Ich wünsche es Dir sehr. Ich ging zwischen 6 u. 7 zu Hanna Héraucourt und fand sie leidlich wohl. Sie ist befriedigt, für den November eine halbtägige Stellung gefunden zu haben in einem guten, sympathischen Geschäft. Ich besuchte sie auch, um
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| zu hören, wieviel diese Drucke der Bundestagsrede kosten und hörte mit Zufriedenheit, daß es nur 70 <altes Pfennigzeichen> sind. Ob das Buchhändler- oder Ladenpreis ist, weiß ich nicht.

30.X.  Nun ist der ganze Montag hingegangen mit allerlei Unerwartetem. Als ich etwa um 5 Uhr von einem kurzen Ausgang zurückkam, sprach mich Rosmarie Häbler an der Haustür an: sie und der Vater wären bei mir oben gewesen und warteten jetzt an der Straßenecke auf ein Auto, das sie nach Karlsruhe führen solle. Er war herzlich, wie stets, fragte lebhaft nach Dir, aber es war schade, daß die Begegnung so kurz war. Es sei aber der einzige Besuch, den er hier mache. – Als ich dann mich bei der Lampe zum Schreiben setzen wollte, kam eine alte Bekannte von Drechslers her, die immer die Beziehung mit mir fortsetzen will, teils zu Trudel, dann zu mir und blieb bis 9 Uhr und dann war ich zu müde, denke Dir! Ich war nicht einmal imstande dann im Bett noch im Fröbelheft zu lesen, ich konnte nichts auffassen. So bringe ich die Tage <li. Rand> nutzlos hin. – Vorhin habe ich dann den Abdruck der Bonner Rede zu <Kopf> Frau Heinrich gebracht, die sich sehr freute. Und jetzt grüße "die Andern", und sei selbst innig gegrüßt.
Deine Käthe.