Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. November 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. November 51
Mein liebes Herz!
Es war ein recht verkürztes Wiedersehen diesmal am Bahnhof und besonders betrübte es mich, daß ich aus Unverstand garnichts Nützliches mitgebracht hatte. Statt dessen sorgst Du immer so treu für mein tägliches Leben. Und auch die "geistige Nahrung" habe ich mit Dankbarkeit aufgenommen.
Seit Montag habe ich ganz allmälig mich in den Fröbel hineingelesen. Mit wachsender innerer Wärme habe ich den Zugang gefunden, der mir anfangs nicht leicht wurde. Zunächst war es nur eine große geistige Abspannung, die mich nur Worte lesen ließ. Aber dann konnte ich auch aufnehmen, und manches in meine Welt übersetzen. Ganz erstaunt bin ich, wie verwandt mir seine Gedanken
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| im Resultat sind, obgleich doch mein Weg ein ganz anderer war. Ich werde jetzt Dein Büchlein noch einmal mit ernstem Bemühen lesen, und es ist mir auch solch ein seltsames Rückerinnern an Zeiten des Suchens und Werdens dabei. – Fröbel hatte mir eigentlich früher etwas nüchtern Formales, das ist wohl durch sein Ausgehen von der Mathematik gekommen, denn ich wuchs eben schon in einer Zeit der Biologie heran. Und Mathematik und Zahlen überhaupt sind mir nur als Proportionen anschaulich zugänglich. Ganz wunderschön finde ich den Schluß Deiner Abhandlung von S. 40 an. Ich neige ja überhaupt zu den Mystikern, Jakob Böhme und Nicolaus v. Cues, so wenig ich ja von ihnen weiß, haben unmittelbar zündend auf mich gewirkt.
Augenblicklich hatte ich nun ein Erlebnis,
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| das mich recht erschütterte. Frl. Held kam nach vorheriger Anmeldung am Freitag zum Kaffee zu mir. Sie war belebt und mitteilsam, mehr als sonst und so kam es allmälig aus ihr heraus, daß sie unter schweren Spannungen zu leiden habe, daß sie tagelang geweint habe und – daß sie den Arzt lieb habe, der aber immer eine Selbständigkeit von ihr fordere, die sie nie zu seiner Zufriedenheit erreiche. Er habe ihr gesagt, es sei Verrat an ihm und seiner Liebe für sie, wenn sie nicht die Kraft zur [über der Zeile] eigener Entscheidung aufbringe. – Das alles kam so bruchstückweise und nicht ganz verständlich heraus und man konnte wohl durchfühlen, daß sie nicht "ärztliche Methode" darin sehen wollte, sondern persönliche Neigung. – Ist das nicht geradezu ein Verhängnis mit dieser Psychoanalyse? Weißt
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| Du noch, wie wir einmal, ich glaube es war in Immenstadt?, solch ein sonderbares Päärchen trafen, von dem Du meintest, es sei ein Arzt mit einer Patientin der dortigen Anstalt. Ich hatte damals keine Ahnung von solchen Möglichkeiten, aber mir war der Eindruck höchst unsympathisch. Das muß wohl ein ähnlicher Fall gewesen sein. Aber hier ist meine lebhafte Teilnahme mit der zarten Seele der Patientin. Ich habe sehr vorsichtig meine Meinung geäußert, aber nicht verschwiegen, daß ich das Verfahren des Arztes nicht billigen könnte – "das sage ihre Mutter auch!" – aber er habe durch sein Vortasten das Geständnis ihrer Neigung provoziert. Sie hätte sich heftig dagegen gewehrt, und so verstehe ich jetzt ihre sonderbare Flucht über den Zaun der Anstalt, die ich mir im Frühling garnicht erklären konnte. So
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| lange ist nun diese ständige Erregung schon vorhanden und eine Heilung in irgend einer Art ist nicht zu sehen. – Mir war es immer verdächtig, daß der Dr. W. bei den Kollegen wenig angesehen ist, wie ich von Matusseks hörte, und gerade kürzlich sagte der jüngere Bruder so wegwerfend: dieser Wilken mit seiner Erotik! – Wie soll man nur dem armen Mädel von dieser Heilmethode helfen? Ich habe ihr noch anschließend einen Brief geschrieben, und ihr recht eindringlich auseinander gesetzt, daß man den Segen solcher menschlichen "Nächstenliebe" zerstört, wenn man ihren Charakter falsch versteht. Ob sie dafür zugänglich ist? Wohl kaum, obgleich sie zutunlich und vertrauend zu mir ist. Auch für Dich hat sie offenbar große Verehrung, wie sie überhaupt sehr feinsinnig urteilt.
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Das andere Sorgenkind scheint jetzt in gutem Fahrwasser zu sein. Und wie steht es da mit denen, wovon Du mir am Bahnhof sprachst? –  –
Der Sonntag heute hat wieder sehr schönen Sonnenschein gebracht, aber ich habe ihn nur vom Zimmer aus gesehen. Die Farben am waldigen Abhang des Berges sind wesentlich ernster geworden, als sie bei unserm einzig schönen Weg am Dilsberg waren. Wie gut, daß wir diesen wohltuenden Eindruck noch haben konnten.
Ich müßte eigentlich Briefe schreiben am laufenden Band, und doch bleibt es meistens bei dem an Dich, und dann siegt die Müdigkeit. "Meine Familie" schreibt trotzdem mit großer Treue, so meldete Hermann, ich hätte das Herz seiner Frau geradezu im Sturm erobert. An Ruges ist die große Sorge um die zweite ihrer Töchter gnädig vorübergegangen – etc. Dir aber will ich jetzt nur noch herzliche Grüße an Deine Frau auftragen und Dir selbst ungestörte Arbeitsruhe und befriedigte Stimmung wünschen. In liebevollem Gedanken
immer Deine Käthe.