Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. November 1951 (Heidelberg)


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<der Scan von S. 3 ist am re. Rand abgeschnitten – teilweise fehlen bis zu 4 Buchstaben, die ergänzt wurden>
Heidelberg. 11. Nov. 1951
Mein liebes Herz!
Es ist ein ganz stiller Sonntag, draußen mit Sonne, und drinnen mit warmem Ofen. Obgleich ich garnichts Anstrengendes in der Woche zu tun hatte, habe ich nur ein friedliches Ausruhen genossen. Nun "bei des Lichts gesell'ger Flamme" will ich noch Umgang suchen mit denen in der Ferne, die mir nahe stehen – zuerst, wie immer mit Dir! Ob das erneut gute Wetter Dich ins Freie locken konnte? Ich wünschte es herzlich. – Ich bin in den letzten Tagen mehrmals in der Dämmerstunde auf der Panoramastraße (wo wir 1946 als zwei Vertriebene beisammensaßen) bis gegen den Friedhof zu gegangen. Dort ist immer solch freier Blick in den Abendhimmel über der Rheinebene, der mir wohltut, wenn mein lichtarmes Zimmer mich beengt.
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Der Verkehr mit Menschen bringt ja leider recht wenig Veranlassung zu freiem Aufatmen. Ganz besonders bekümmert mich der scheinbar hoffnungslose Kampf der Hanna Héraucourt um eine gesunde Berufsexistenz. – Auch Frau Buttmi ist über ihre Kraft belastet, und wohin kann man jetzt eigentlich mit beruhigtem Herzen denken? Es ist so traurig, daß man mit dem besten Willen eigentlich garnicht helfen kann, weil es unmöglich ist, die Menschen zu ändern.
Wie schwer hat es da auch Susanne mit ihren Schwestern. Denn es handelt sich ja auch da in erster Linie um Conflikte, die körperlich-seelisch oder seelisch-körperlich bedingt sind. Es will einem oft scheinen, als ob da manchen Menschen mehr an Überwindung zugemutet wird, als ihre Kraft hergibt.
Ob da die kleine Held sich in Tübingen selbst findet? Es war alles so zart und feinsinnig, wie sie sich aussprach, wie die hauchartigen Zeichnungen, die sie im Winter machte, aber ohne rechte Kraft. Sie schreibt: "ich will glauben
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| und kämpfen gegen alles Hemmende. – Ich hoffe sehr, ich werde in Tübingen richtig arbeiten können. Alle Kraft will ich einsetzen." –  – Wenn Du die Möglichkeit siehst, ihr zu helfen, geliebter Freund, versuche es. Es ist der Mühe wert.
Es kommt mir oft wie ein Vorwurf in den Sinn, daß ich so still und nutzlos dahin lebe. Überall bin ich nur die Empfangende!
Jetzt hast Du mir wieder durch den erneuten "Fröbel" eine ganze vergangene Welt herauf gezaubert. Sie ist jetzt erst wirklich lebendig geworden. Veranlaßt durch deine Abhandlung habe ich den "Brief an die Frauen in Keilau" vorgeholt, [über der Zeile] ein Buch das Du mir 1935 schenktest, und das damals ganz über mein Verständnis ging. Ich fand jetzt ein Notizblatt darin mit meiner Schrift – aber es war in mir garkeine Erinnerung mehr davon. Nur die große Büste im Zimmer der "Mecka" sah ich noch vor mir! – Ich habe jetzt diesen Brief mit dem ernsten Bemühen eines Studenten gelesen, mit sehr wechselnden Gefühlen. Es ist wirklich
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| so, daß Du "das Gold" dieser Gedankenwelt "ausgräbst" und in Deiner klaren, vertieften Darstellung mit einem ungeahnten "Glanz" funkeln läßt. Jetzt, nachdem ich mich durch die leidenschaftliche Selbstdarstellung hindurch gearbeitet habe, freue ich mich zu Deiner durchsichtig klaren Wiedergabe zurückzukehren. – In dem Buch lag auch eine sehr feine, liebenswürdige Besprechung von Dir über 6 Vorträge von Natorp. 1911. Sie paßt sehr gut zu Deinem Bonner Vortrag durch die Kritik seiner hochgespannten "Freiheits- und Selbstverantwortlichkeits-Ideale". –  –
Jetzt will ich womöglich noch an meine Geschwister schreiben, in deren Schuld ich immer bin. Es ist nun einmal so, daß Du von je zwischen mir und "meiner Familie" standest. Und sie alle, mit Ausnahme etwa von Mutter Lili haben es mit liebevollem Verständnis aufgenommen.
Sei mir innig gegrüßt und laß es Dir möglichst gut gehen, ohne Erdbeben (Formosa) und Stürme (Nordamerika). Leider registrieren wir ja immer alle Barometerschwankungen!
Grüße an die Andern und Dir alles Liebe von
Deiner
Käthe.