Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14./15. November 1951 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 14. Nov. 1951.
Mein liebes Herz!
Es war doch offenbar nicht ganz ohne Grund, daß ich mich über Dein langes Schweigen etwas beunruhigte! Du hattest mit allerlei Mißbehagen zu tun, und die Ungehörigkeit der Oldenburger Amtsstelle hat Dir Verstimmung und Mühe gebracht. Aber Du weißt ja, daß Du Deinen Standpunkt offen vertreten kannst und so darf es Dich nicht bekümmern. Wozu macht man denn solche Erkundigungen, wenn sie nicht Fehlgriffe verhüten sollen, die für beide Teile schädlich wären, wenn sie nicht ehrlich beantwortet würden.
Es starben eben viel alte Leute, und man weiß nicht, ob die Lücken ausgefüllt werden. Vorhin war ich mal wieder bei Frl. Schupp, der 90jährigen, die ich heute zum erstenmal weniger auf der Höhe traf. Sie erzählte von Conrad's, noch eingehender von dem jüngeren Sohn, den Ihr in Tübingen mehrmals gesehen
[2]
| habt und der sich dort mit einer sehr brauchbaren Arbeit eingeführt haben soll. – Der Kranke kann jetzt mit Krücken ein wenig gehen, aber seine Mutter ist bei unsrer alten Freundin, wo sie sich nicht aus Rücksicht zu beherrschen braucht, immer sehr traurig.
Auch die andern Aniliner, zu denen ich von jeher Beziehung hatte, sind mir wieder nähergerückt durch die Grabfürsorge der Familie. Ich war gestern bei der Urenkelin von Großmutter Knaps, die an einen Direktor von Röchling verheiratet ist und zwei Kinder im Alter von etwa 11 und 9 Jahren hat.x [li. Rand] x Sie heißt Hanni Popp, geb. Winter. Sie wohnen am nördlichsten Ende von Handschuhsheim und es gefällt mir äußerlich und innerlich gut bei ihnen. Die Häuslichkeit ist tadellos gehalten und die Kinder machen einen frohen, unbefangenen und wohlerzogenen Eindruck. Was mir – im Gegensatz zu der früheren Familientradition –, angenehm auffiel, war eine betonte Aufrichtigkeit. Das nehme ich gern als eine Bürgschaft
[3]
| für die Zukunft. Es ist in dem Hause ein gesunder Aufstieg zu spüren, was einem heutzutage so besonders wohltut.
Es gibt ja so viel Gegenteiliges. Da ist bei mir die arme Hanna Heraucourt und bei Euch die Schwester Jenny. Es war doch um diese Zeit der Jahrestag, über den Ihr sie möglichst schonend vorüber führen wolltet. – Für wen wirst Du denn am 24. in Freudenstadt sprechen? –  – Daß Du die Rede für Kerschensteiner abgesagt hast, wird Dir ebenso leid sein, wie mir. Denn es wird [über der zeile] ist nicht leicht jemand anders so befähigt, sein Andenken gebührend zu würdigen und lebendig darzustellen. Aber ich bin dankbar, wenn Du wirklich jetzt mal etwas bremst mit solchen Vorträgen neben der Semesterarbeit. Denn die Kant-Vorlesung wird Dir sicher viel Arbeit machen, und daß sie wieder im Maximum ist, wird Dir Befriedigung geben.
Was es mit dem "pädagogischen Kommentar" zur Bonner Rede auf sich hat, kann ich mir
[4]
| garnicht vorstellen. Warum? Für wen?
Wen ich hier darüber sprach, der war tief berührt von dem hohen Standpunkt, der Wärme und wunderbaren Klarheit der Sprache, die auch dem Laien die tiefe Bedeutung zugänglich machte.
Was nun die kleine Held betrifft, so ist für mich eigentlich die Hauptfrage: liegt eine physische Erkrankung vor, die nur jetzt durch diese Abhängigkeit vom Arzt verdeckt wird? Was sie immer wieder unzufrieden betonte ist, daß er von ihr persönliche Entscheidung verlange. Das war jedesmal am Semesterende. Der Name v. W., ist in der Tat hier sehr angefochten, und es wird auch beklagt, daß er durch persönliches Unglück in der Familie seine berufliche Tatkraft eingebüßt habe.

15.XI. Ich hätte den Brief gestern noch abschicken sollen, denn heute bin ich doch zu weiterem Schreiben nicht gekommen. In einer Stunde kommt der Donnerstags-Lesezirkel, diesmal
[5]
| auch Hanna H. dabei, die noch immer allein haust, da die Mutter nach der Kur in Nauheim jetzt noch bei der Tochter in der Pfalz Nachkur hält. In der Buchhandlung, in der ihr Arbeit in der Journal-Abteilung zugesagt war, wird sie geradezu als Laufbursche mißbraucht.
Von mir kann ich nur berichten, daß alle Welt mein gesundes Aussehen lobt, und daß ich mich so wohl fühle, wie es den Jahren entspricht. Die Tage sind mit mäßiger Beschäftigung ausgefüllt und die Abende gehören zum Schluß immer der Beschäftigung mit Fröbel. Es ist mir immer wunderbar, wie Du das, was mir an ihm sonderbar und unklar scheint, in ein klares, sympathisches Licht rückst. Ich würde eigentlich von mir aus diesen Brief nach Keilhau als eine etwas gewaltsame Deutung seiner selbst auffassen, aber es ist ja doch ein ganz positives Resultat bei all den Wirrnissen herausgekommen, das ihn
[6]
| rechtfertigt. Sonst würde ich denken, wie meine Schwägerin Hedwig mal von Hermann sagte: er ist auch ein Schönfärber – (wie unsre Ahnen in Sachsen). – Außerordentlich viel stille, rückblickende Lebensbetrachtung hat diese Lektüre in mir angeregt und ich fühle, wie mir eigentlich nur das verständlich wird, was irgendwie auch durch mein inneres Leben hindurchgegangen ist. Da tauchen dann einzelne entscheidende Situationen auf, fast immer irgendwie verknüpft mit Dir.
Jetzt aber will ich den Tisch richten für den erwarteten Besuch und diesen Gruß an Dich noch zur Post bringen. Ich wünsche herzlich, daß Du körperlich möglichst unbehindert und seelisch unbeschwert befriedigender Arbeit nachgehen kannst. Sei von ganzem Herzen innig gegrüßt und grüße auch die "Andern".
Immer Dir nahe
Deine
Käthe.