Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. November 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28.XI.1951.
Mein liebes Herz!
Jetzt habe ich schon wieder für zwei liebe Zuschriften zu danken und komme damit doch eigentlich wieder etwas spät! Aber ich wollte doch gern gerade zum Adventssonntag mit diesem Gruß bei Dir sein, denn warum damit noch vier Wochen warten!? Freilich wäre es nun nötig, daß Du mir noch etwas verrietest, womit man Dir Freude machen könnte. Meine Erfindungsgabe hat erschreckend abgenommen in jeder Beziehung. Also sei nachsichtig und hilf mir mit einem liebenswürdigen Wink. Das wäre eine große Freude, eine echte Weihnachtsfreude für mich.
Auch die gute Nachricht aus Freudenstadt hat mich innig erfreut, nur über die grobe Rücksichtslosigkeit des Wetters war ich entrüstet, die ich schon an den hiesigen An
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|zeichen vermuten mußte. Hoffentlich hast Du Dir bei der Nässe keine Erkältung geholt. Denn nach dem Bericht im Briefe vorher war Dein Befinden ohnehin nicht besonders gut. Aber daß Du von der Aufnahme Deines Vortrags befriedigt warst, hörte ich gern. Ganz heimlich aber finde ich es grausam, daß ich nie Gelegenheit habe, den "unbekannten Gott" auch "kennen zu lernen"! Wie schön war es, Dich damals im Rundfunk einmal wieder reden zu hören!
Stattdessen gehe ich jetzt dauernd ins Kino: Nach der "Nachtwache" und dem "fallenden Stern", jetzt die "Fahrraddiebe". Alle drei Abende waren wirkliche Eindrücke, die mich auf länger beschäftigten. Das erste Probleme im Innern des Menschen, das zweite schon mehr mit der Welt verknüpft und das dritte soziale Not der heutigen Weltlage in ihrer unerbittlichen Härte. Bei diesem
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| letzten Film blieb mir das gleiche ungelöste Gefühl zurück wie bei den Ibsenschen Dramen. Beides ist echte Kunst, aber ich muß an Deine Einleitung zu dem Fröbelheft denken: es ist deutsch, hinter allem eine religiöse Tiefe zu suchen. Und die muß man bei dem letzten mehr ahnend hoffen, als daß sie angedeutet wäre. Es ist ein ergreifendes, wahrhaftiges Bild der äußeren und inneren Nöte der Gegenwart und man empfindet es wie ein Mene Thekel, das zur Besserung aufrufen will. –
Das Wort von der "erziehenden Familie" bei Fröbel hatte mir recht lebhaft ins Gedächtnis gerufen, was mir die nette Rosmarie Häbler von ihrer Tüllingerhöhe erzählt hatte. Und siehe da, am nächsten Morgen kam das Heftchen mit dem Jahresbericht, in dem der "Vater" davon spricht, es heiße jetzt oft, Heimerziehung sei "ohne Nestwärme, sei familienleer"; sie seien gewiß keine kleine
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| Familie, aber eine Großfamilie, und da zählt er alle auf, die bei ihnen zusammen gehören. Es macht einem wirklich Lust, das einmal mit anzusehen. Es ist gewiß kein Schade, daß die Anstalt betont evangelisch ist, denn der Mann ist nicht engen Geistes.
Und wie hat es Susanne bei der Familie angetroffen? Konnte sie beruhigt wieder abreisen? Es gibt jetzt soviel, woran man mit Sorge denken muß. So sehe ich auch für Hanna H. recht wenig Hoffnung. Mit eiserner Energie hat sie auch diesen Monat durchgehalten, aber die Arbeit und die Behandlung entsprachen in keiner Weise ihren berechtigten Ansprüchen.
Der Winter beginnt noch zögernd. Man kann es kaum glauben, daß in vier Wochen schon Weihnachten sein soll. Wie lange vorher waren früher die Gedanken auf das Fest mit Vorbereitungen gerichtet. Du aber wirst schon mit stiller Sorge an die Belastung Deiner Schreibfähigkeit denken, die dann hereinbricht.
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| Wie ist es eigentlich mit Deinen Augen? Du erwähntest sie im letzten Briefe nicht. Darf ich das als gutes Zeichen auffassen? Es hatte mich recht beunruhigt.
Denke, bitte, nie, ich könnte es nicht voll verstehen, wenn Du nicht dazu kommst, mir zu schreiben. Aber Du wirst nicht wollen, daß ich nicht stets Verlangen danach habe, und daß jede liebe Nachricht mich glücklich und dankbar macht. Es ist mir doch notwendig wie die Lebenslust. – Aber etwas ganz Reales möchte ich doch von Dir erbitten. Hast Du nicht ein Paar alte Lederhandschuh, die Du an mich ablegen könntest? Das Heizen und der Umgang mit den Kohlen verdirbt meine Hände so abscheulich. Da wäre ein Schutz wohltuend, aber meine eigne Nummer ist dafür zu eng. Ist das sehr unbescheiden?
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Hier ist die Propaganda für Alt-Baden ungeheuer tätig, und wenig erfreulich. Auch viel Papier wird daran gewendet, es gibt schon zun zweitenmal Wahlkarten, weil vermutlich die ersten durch die lange Verzögerung bei den meisten Leuten nicht vorhanden sind. Was hältst Du denn nach Deinen Beziehungen mit Bonn für wünschenswert? Ich bin für den Südweststaat! –  – Ach, warum muß es Politik geben! und warum die Menschenwelt solch ein Chaos sein!
Nun sei mir mit vorweihnachtlichen Gedanken innig gegrüßt und habe Dank für Brief und besonders die Karte. Sorge für Dein Befinden und laß Dich von Susanne entsprechend pflegen. Grüße sie herzlich und denke gern auch an
Deine
Käthe.