Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Dezember 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Dezember 1951
Mein liebes Herz!
Unsre letzten Briefe haben sich leider gekreuzt, da will ich nur lieber gleich ein wenig schreiben, umso mehr, als die erbetenen Schutzhandschuhe schon eingetroffen sind. Über beides habe ich mich gefreut und danke Dir – aber die Nachricht von Deinem "etwas mickrigen" Befinden will mir garnicht gefallen. Du warst bei einem Arzt! Wer empfahl ihn Dir? Was meinst Du mit den Hintergründen, die er behandelt? Ist er etwa solch Psychoanalytiker? Da wäre er wohl nicht an den Rechten gekommen! Wenn es doch auch [über der Zeile] in Tübingen solch tüchtigen Arzt gäbe wie unser Frl. Dr. Clauß! Ich bin jetzt natürlich recht besorgt, bis ich wieder Nachricht bekomme. Die Handschuh brachten nur einen Gruß. –  – So konnte ich mich vorläufig noch garnicht recht freuen auf die Ankündigung Deines stets so ersehnten Besuchs für den 13.XII., auf dem Wege zur Forschungsgemeinschaft.
Ob ich Dir in dem Päckchen den Bericht über einen hiesigen Vortrag von Litt mitschickte, weiß ich nicht. Ich kann ihn in der Zeitung nicht finden. Leider hörte ich ihn nicht, denn die Anzeige war mir entgangen. Mir schien er, ebenso wie Du, nicht für die Ergründung des Unterbewußtseins zu sein. Ich glaube, da ist überhaupt schon eine lebhafte Gegenbewegung.
Heidelberg ist in beständiger Wahlunruhe, teils um die Spielbankfrage, teils um den Südwest-Staat. Mein Bekanntenkreis ist einstimmig dafür. Jeder Schritt fort von der Zerrissenheit scheint mir ein Segen. –  – Ein weiteres Problem ist die
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| Absicht, wieder ein Scheffeldenkmal zu errichten. Alles wird jetzt echt demokratisch öffentlich in der Zeitung diskutiert. Es sind manch recht annehmbare Äußerungen dabei, aber man wird doch den stillen Verdacht nicht los, das schließlich doch das geschieht, was keiner will.
Und was geschieht in der Politik? Da ist offenbar offizielle Weihnachtsstimmung und über die nur "selbst zu öffnenden Pakete" geht man schonend hinweg, um den Frieden zu wahren.
Mit besonderem Bedauern beobachte ich immer das ausgesucht schlechte Wetter der Sonntage. Es ist in der Tat merkwürdig, daß Du trotz dem bösen Einregnen in Freudenstadt keinen Schnupfen bekamst. So äußern sich die Folgen davon vermutlich in irgend einer andern Störung, und die alte Theorie besteht zu Recht, daß ein Schnupfen ein erwünschtes Ablenkungsmittel sei. Ich kann davon nicht mitreden, denn ich weiß garnicht mehr, wann ich wohl zuletzt einen Katarrh hatte? Nur als einen Mangel empfinde ich es nicht, im übrigen aber ebenso wie Du eine große Müdigkeit, die jede Bewegung, körperlich und geistig, lähmt. Wie ich es daher machen soll, einen "brillanten" Eindruck zu machen, ist rätselhaft, und ein ungebührlicher Anspruch an meine Jahre – und überhaupt! Aber ich bin weder verhungert noch erfroren dank Deiner lieben Fürsorge.
Eine rechte Freude war es mir, daß Dir Susanne von Alpirsbach bessere Nachrichten mitbrachte. Möchte sich doch die Sache der kleinen Christa auch nach Wunsch klären. –
Die schreibst von "Orje", der vermutlich hier Schorschel heißt, – oder eigentlich hieß, nämlich während seines hiesigen Studiums. Zum "mögen" war er mir auch nie, aber er ist der Sohn einer mir lieben Frau und – kann wohl nicht dafür!
Doch nun für heute "Gute Nacht". Hoffentlich schläfst Du recht gut, <li. Rand> und holst Dir dabei neue Kräfte für das ernste Tagewerk. Viel innige Grüße von
Deiner Käthe.

[Kopf] Herzliche Grüße den "Andern".