Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26./27. Dezember 1951 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26.XII.1951.
Mein liebes Herz!
Es waren schöne wohltuende Weihnachtstage, die ich verlebte, in der "Welt" draußen, und still mit Deinem Brief unter dem Tannenzweig mit den goldenen Nüssen. Als es am 24. dunkelte, wollte ich Hérancourts gern noch einen Gruß bringen und ging mit einer Schale Weihnachtsgebäck, obenauf ein Herz mit einem Licht, dorthin. Es waren wenig Menschen unterwegs und von fern klangen die Glocken über das stille Land. Mein Päckchen stellte ich mit brennendem Licht vor die Tür und versteckte mich auf dem Treppenabsatz, so gab es eine heitere Überraschung. Auf dem Rückweg zwischen dem Eichendorffplatz und unserer Straße hörte ich Klavierspiel und Menschenstimmen [unter der Zeile] aus einem Hause, und es erklang das alte liebe "o Tannenbaum"
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| das immer zu Haus von Kindheit [über der zeile] an beim Glanz der Lichter gesungen wurde, solange mein Vater lebte. Ich blieb dort, bis das Lied zuende war, und es war mir ein Gruß aus frühen Tagen. Wieviel gute Erinnerungen steigen da wieder auf! – Und so kam ich von der andächtigen Rückschau zur Gegenwart, die mir in Deinem lieben Brief enthalten ist. Wie gut verstehe ich, daß Du gehemmt bist, Dich rückhaltlos stiller Besinnlichkeit hinzugeben. Aber gerade als ich deine lieben Zeilen las, war vielleicht der Kalender in Deiner Hand, der Dir von jener Gewißheit spricht, die wir nicht mit dem Verstand erfassen, die uns bestätigt auf dem eignen Wege. Du hast die meiste Freude an dem Dank derjenigen, denen Du helfen konntest, und an der liebevollen Teilnahme verständnisvoller Menschen, wie sie der alte Forstmeister für Dich hatte. Das ist doch nicht mit seiner irdischen
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| Existenz verflogen, das lebt als Kraftquelle in Dir weiter. Und so laß auch mich immer für Dich sein! Das ist der Inhalt meines Lebens, daß Du aus der Unrast Deines schaffenden Daseins bei mir Ruhe finden möchtest und eine Liebe, die nichts will als Deine freie glückliche Entfaltung. Denn ich kenne Dich in Deinem ganzen Sein seit dem 31. August 1903. Und die Gewißheit dieser Lebensbestimmung ist meine Weihnachtsverheißung.
Mit solchen Gedanken schlief ich ein, um am 1. Feiertag vormittags zu Rösel Hecht zu gehen, wo ich zum Essen festgehalten wurde, und das Gefühl hatte, als ausgleichendes Element willkommen zu sein. Auch bei Buttmis, wohin ich zum Kaffee geladen war, gab es ein ersprießliches Zusammensein mit einer weihnachtlich gehobenen Stimmung. — Auf dem Kommödchen unter dem Tannenzweig haben sich unerhört viel Päckchen und Zuschriften
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| gesammelt. Es ist mir ein wenig bedrückend, daß ich für manches garkeine Erwiderung gehabt habe. Und überhaupt werde ich immer nur von allen Seiten beschenkt. – So war ich auch heut wieder zu Gast bei Frau Franz, was immer ein Genuß ist in diesem kultivierten, musikalischen Haus. Gretels Klavierspiel beschloß auch wieder den Nachmittag sehr wohltuend. – Morgen aber werde ich Kaffeegäste haben: Frau Héraucourt (Hanna ist im Dienst) Frau Buttmi und Gundel, und Hedwig Mathy. Ich glaube, das kann ganz gut zusammen stimmen.
Von all den vielen Geschenken sind mir natürlich die papiernen die liebsten. Die japanischen Landschaften finde ich sehr fein. Der Künstler ist mir schon durch eine kleine Broschüre als eindrucksvoll bekannt. Susanne werde ich bald direkt danken. Eßbares habe ich von Hermann, von Eggerts, Ruges, Kohlers, Ursel Platt, H. Held u.s.w. u.s.w. –
Das Schönste aber ist immer Dein lieber Brief in seiner Treue und seiner vertrauenden Offenheit. Habe Dank für alles was Du mir bist.
In immer gleicher Liebe
Deine Käthe.

[li. Rand] Grüße an alle!

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Am 3. Feiertag früh! – Gestern abend war ich schon zu müde, ich hätte gern noch viel geschrieben. Nur das will ich heut noch nachholen, daß ich mich freue, daß Du die kleine Hautgeschwulst entfernen ließest. Ich werde Deine Schönheit beim nächsten Wiedersehen gebührend bewundern. Jetzt nimm Dir nur fest vor, die Stelle ganz in Ruhe zu lassen, damit sie glatt heilt. Es ist sicher zur Gewohnheit geworden, sie zu befühlen, und es war eigentlich nicht meine Sorge um Deine "Schönheit", die mich die Entfernung befürworten ließ, als die Befürchtung, es könne bösartig werden!
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Noch einmal — vielen Dank und Grüße! Jetzt muß ich mein Zimmer für den Besuch herrichten.