Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Januar 1952 (Tübingen)


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Tübingen, den 11.I.52.
Meine einzige Freundin!
Deine lieben Brief mit ihrer zufriedenen Grundstimmung und den auch sachlich guten Nachrichten haben mich sehr glücklich gemacht. Ich wünsche mir, daß es auch 1952 so bleibe, und bitte nur, Anstrengungen, die sich etwa aus allzu gehäuftem Besuch ergeben könnten, zu vermeiden. Für die aufs neue "abgezogene" Fröbelbüste danke ich vielmals. Sie berührt mich bekannt; ich habe sicher noch irgendwo das Bild von 1915. Die Büste selbst ist mir auch in Tokyo begegnet. Er sieht da ganz gut aus. Aber so mein eigentlicher Speci hat er nie werden können.
Eine Verlobungsanzeige von Dr. Zollinger habe ich nicht erhalten!
Zu dem, was ich nicht gehabt habe, gehören die Ferien. Zwischen dem 20.XII
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| und dem 7.I sind hier 180 Postsachen hinausgegangen. Waren vielleicht 60 davon bloß gedruckte Karten, so waren andere ganze Manuskripte oder mühsam stilisierte Briefe. Ich habe 2 Dissertationen bewältigt, darunter eine infam schwere. Ich habe auch ½ freien Tag gehabt. Am Silvestervormittag gingen wir in das Dorf Rübgarten, wo man sehr gut essen soll. Dies war nicht der Fall, und auf dem Rückweg von 1½ Stunden wurden wir wieder bis auf die Haut naß. Um 17 Uhr schon zu Hause.
Mein lästiges Leiden, das bekanntlich sehr auf die Stimmung drückt, wird trotz Behandlung und ständiger Besuche beim Doktor nicht besser – allerdings auch nicht schlechter. Aber mein Befinden bleibt im ganzen mickrig, und so finde ich es ganz an der Zeit, daß in 3 Tagen die Kommission für die Wahl meines Nachfolgers eingesetzt wird, – der ich aber gern fernbleiben möchte. Wir sind aus einer geistigen Welt in eine "Betriebswelt" übergegangen. Dazu reichen nun
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| meine Kräfte doch nicht mehr.
Der "Administrateur" Thieberger hat zu Ehren des Franzosen "Spitzmüller" ein Diner gegeben, bei dem auch Flitner war. Nachher kam er noch für ein paar Stunden zu uns, und es war diesmal ganz hübsch. Auch Frau Werner Richter (Frau des emigrierten, früheren Ministerialdirektors, jetzt wieder Rektors in Bonn) war zweimal bei uns. Am 1.I [über der Zeile] vorm. kam unser jetziger Rektor Thielicke mit Frau, zu dem ich ein sehr warmes Verhältnis habe, und Schadewaldt. Vorgestern sprach im "Kaiserkommers" der Graf York v. Wartenburg sehr schön.
Christiane ist also bei Holzhausens, und zwar sehr glücklich, und das ist alles rührend bis ergreifend. Sie wollen sofort adoptieren – und doch ist da noch irgend etwas, was ich wenigstens nicht enträtseln kann. – Auch in Alpirsbach sieht es besser aus.
Frl. Held läßt sich hier nun einmal nicht sehen. Wir müssen etwas haben, was die Leute zurückstößt. In der ganzen Festzeit hat uns nur die alte Frau Titze eingeladen. Und das haben wir abgelehnt.
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Eine Sache aber "funktioniert"; das ist die Kantvorlesung. "Ich selbst könnte sie nicht besser machen." Der Besuch bleibt auch ganz stabil –  350–400 Hingegen kommt mir das Proseminar stumpf vor. Dagegen bin ich noch ein Feuerkopf.
Frau Heuß hat mir geschrieben, daß sie seit Wochen liegen müsse und leider für die Fröbelfeier nichts tun könne. Auch Luise Besser ist trotz gelungener Operation noch sehr krank.
Programm der nächsten Zeit: ich lese viel über Japan, um am 24.I. meine Diesvorlesung halten zu können, habe aber für die Vorbereitung weder genug Ruhe noch Zeit noch Kraft. Am 23.I abends soll ich beim studentischen Diskussionsabend mitwirken. 21.I. Comité Culturel. Am 26.I fahre ich nach Bad Nauheim, wieder zur Forschungsgemeinschaft. Geht der Zug über Heidelberg, [re. Rand] 15.35? werde ich mich melden. Auf der Rückfahrt kann ich leider nicht verweilen, da ich in Nauenheim einen Spätheimkehrer habe, dem ich Zeit widmen muß. Aber um 16 Uhr x komme ich am 27.I. bestimmt durch.
Jetzt bin ich so müde, daß ich nichts mehr sagen kann: als "innige Wünsche und herzlichen Gruß". Dein
Eduard.