Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Februar 1952 (Tübingen)


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Tübingen, den 7. Februar 1952.
Meine einzige Freundin!
Am 27. Januar bin ich recht erschöpft in Tübingen angekommen. Ich habe dann gleich einen gründlichen Brief an die Eisenbahndirektion geschrieben, daß ich auf ein Rückfahrbillet II. Kl. gefahren bin:
 III. Kl.   200 km.
   I. Kl.  150  "
  II. Kl.     0 km.
Die Tage sind dann bei sehr zersplitterter Arbeit recht schnell vergangen. Gestern habe ich beim Dozentenabend im Leibnitianum einen Vortrag gehalten: "Aus meiner Studienzeit", mit viel Humor gewürzt, der diesmal verstanden wurde. Jung und alt hörte sichtlich interessiert zu.
Vom Tode Ernst Hoffmanns habe ich bisher weder durch eine Zeitung noch durch eine Privatanzeige etwas gehört. Seltsam! Als ich vor 2 Jahren dort war, lebte doch seine Frau. An wen soll man nun ein Kondolenzschreiben richten?
Der Bruder Kippenberg in Bremen, ein sehr lieber Mann, ist auch in hohem Alter gestorben.
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Können sich denn Buttmis nicht entschließen, die alte Dame in eine Anstalt zu bringen? Die Schwiegertochter reibt sich ja bei dieser Pflege völlig auf.
Wann findet der Umzug bei Héraucourts statt?
Mein merkwürdiger Spezialkollege hat in sehr merkwürdiger Form seinen 50. Geburtstag gefeiert. Wir waren als einfache Gratulanten da. Dort trafen wir Euren Gadamer, der am Tage zuvor einen Gratulationsvortrag gehalten hatte! Die Stimmen darüber lauteten nicht sehr günstig.
Ich bin beinahe gezwungen worden, am 20. Februar noch einen Vortrag in der Akademie Calw zuzusagen. Dann kommt das stürmische Semesterende. [re. Rand] (Fleißprüfungen!) Vorher aber noch am 9. Februar das Ehepaar Kühn, am 10.II. Schinzinger, der am 11.II. hier sprechen soll. – Unser verdienter Rektor ist noch zur Erholung im Schwarzwald. Eine etwas aufgeregte Studentenversammlung ist nach Tübinger Art doch ganz gut ausgegangen. (Wehrbeitrag.)
Auf den 24.II. freue ich mich sehr. Ob wir wenigstens bis Reinbach kommen, ist wohl eine Wetterfrage. Liegt noch Schnee und hast Du feste Stiefel, könnte
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| man auch an den Kohlhof denken. Im ganzen mache ich mir aus der schönsten Schneelandschaft garnichts.
Die Vorlesung ist noch sehr gut besucht. Morgen endlich werde ich mit der K. d. r. V. fertig und habe dann noch 6 Stunden für die Ethik.
In unsren Jahren lebt man natürlich immer unter dem Gefühl der "Kündigung." Wenn man in der Hauptsache gesund ist, dann ist es ja noch ganz hübsch, obwohl man bald von dieser Person, bald von jener Unternehmung Abschied nehmen muß. Rein geistig gibt die Beschäftigung mit den letzten Fragen diesem Lebensalter mehr Gestalt als allen früheren. Man muß es nehmen, wie Gott es schickt. Aber hübsch vorsichtig soll man sein, besonders auf dem Wege zur Elektrischen und an der Elektrischen.
Susanne, die von Alpirsbach befriedigt zurückkam, und Ida, die viel Schnee fegen muß, lassen herzlich grüßen.
Mit tausend guten Wünschen
Dein getreuester
Eduard.