Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Mai 1952 (Tübingen)


[1]
|
Tübingen, den 18. Mai 52.
Meine einzige Freundin!
Es waren recht drangvollen Zeiten für mich, seit ich am 5. Mai von Heidelberg abfuhr. Und so wird es bis zum Ende des Semesters auch bleiben. Ich sage ab, was ich absagen kann; aber es kommen doch noch immer neue Verpflichtungen hinzu.
Du willst noch Näheres über die Ordensverleihung (es ist der höchste Orden) wissen. Sie fand am 8. Mai durch den Württ. Hoh. Staatspräsidenten als seine letzte Amtshandlung statt. Anwesend waren der (ebenfalls abtretende) Kultusminister Sauer, der (ebenfalls abtretende) Rektor Thielicke, unser Dekan, Dr. Amann und einige Ministerialbeamte. Es gab auch ein Glas Wein – aber nach ½ Stunde mußte ich zur Eröffnung des Seminars.
Am nächsten Morgen um 7½ mußte ich im Frack 4 Prüfungen abhalten, die der Kollege Krüger uns ohne ein Wort freundlich hinterlassen hat. Um 10 war Rektorats-
[2]
|Übergabe (Neuer Rektor Biologe Bünning.)
Tags darauf fuhr ich auf Bitten der Ev. Studentengemeinde mit dem Studentenpfarrer Weymann (aus Berlin) und über 60 Studenten und Studentinnen, meist ersten Semestern nach Traifelberg zu einer Freizeit. Wir diskutierten im Freien auf dem 800m hohen Lochenfelsen mit dem Blick auf den Lichtenstein, ein hübsches Bild. [li. Rand] auch wir. Abends erzählte ich im Tagungsraum auf Wunsch aus meinem Leben von Kaiser Wilhelm I. an. Als ich in mein Privatquartier ging, war ein eindrucksvolles Gewitter. Sonntag nach dem Gottesdienst (u. einem Stündchen für mich) um 11 Uhr fuhr ich allein mit der Bahn ab. Sie sangen mich an, bis der Zug nach Honau hinunter fuhr.
Große Not wegen ungenügend vorbereiteten Kollegs in den nächsten Tagen. Donnerstag vor dem Seminar auch noch Besuch von OSt.Dir a D. Bernhard Schwarz (einst Leipzig, jetzt Augsburg.)
Gestern früh Senat, um 11 Feierstunde zum 80 Geburtstag von
[3]
| Prof. Gößler, interessanter Vortrag über die Heuneburg (6. Jhhdt vor Christus). Dann Diktieren von Briefen, es sind sehr viele, z. T. bewegende Gratulationen gekommen. Endlich etwas Hübsches, Kleinstädtisches. Die Altersklassen feiern in Tübingen ihren Geburtstag durch ein gemeinsames Geburtstagsessen. Besonders natürlich bei den Zahlen mit Null hinten. Für die diesjährigen 70er fand nun vorher eine Feierstunde statt, bei der ich eine 20 Min. lange ernste Ansprache hielt und Suse Röhrich sang. Dann wurden wir alle in 2 Omnibussen nach dem Restaurant Marquardtei verfrachtet. Obwohl wir von 8 bis nach 12 in lebensgefährlicher Enge saßen, war der Abend ganz entzückend. Alles harmlos und liederreich. Es waren mehr Frauen als Männer.
Heute ist nun wieder die Vorlesungsbedrängnis da. Am Mittwoch werde ich für 400 hier durchfahrende Schwestern vom Roten Kreuz zu reden haben. Und so fort bis zur Fröbelfeier, für die ja die große Rede auch noch gemacht werden muß.
Wenn Du wissen willst, wie der Orden aussieht: er ist ein gewaltiges Gebilde, mit dem man sich eigentlich nirgends sehen lassen kann. Am 9. Mai war er natürlich
[4]
| ganz unter dem Talar verborgen. Ich sende Dir das Bild von Hellpach in der gleichen Situation zurück und füge einige andere Bilder zur Ansicht hinzu, die ich aber gern recht bald zurückhätte.
Es gehört eine Kunst dazu, alle Termine so unterzubringen, daß alles zur rechten Zeit fertig ist. Von eigentlicher Wissenschaft ist natürlich überhaupt nicht mehr die Rede.
Deshalb mußt Du auch Nachsicht haben, wenn ich hier schon Schluß mache. Ich hoffe, daß es Dir gut geht. Die Eisheiligen waren ja milde, und jetzt ist es wunderschön. Nur kommt man nicht hinaus.
Von Holzhausens haben wir seit unsrem Besuch keine Zeile erhalten. Seltsam! Am 24. Mai ist der 71. Geburtstag von Frau Biermann, Oberurselerstr. 12.
Mit vielen herzlichen Wünschen und Grüßen von uns dreien
innigst
Dein
Eduard