Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Mai 1952 (Tübingen)


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Tübingen, den 29. Mai 52.
Meine einzige Freundin!
Ich danke Dir herzlich für Deinen lieben Brief und die Rücksendung der Bilder. Vor allem hat es mich gefreut, zu lesen, daß die Angelegenheit der lieben Gräber in Kassel nun geordnet ist. War es mit ihr nicht auch so, wie heute meistens: über dem, was geschehen könnte, wird unterlassen, was geschehen kann? Ebenso freue ich mich, daß Dieter eine Tätigkeit hat. Wo liegt das Bad Wernberg? Hoffentlich wirft er nun aber seine volle Energie hinein!
Da ich bei einer geographischen Frage war: die Heuneburg liegt bei Riedlingen, unterhalb Sigmaringen, über der Donau. Deine Vorstellungen von den Hunnen scheinen mir nicht ganz in Ordnung. Sieh doch mal im kleinen Ploetz nach, da ist ein Unterschied von ca 750 Jahren.
Kleine Kinder zu hüten, ist sehr verantwortungsvoll, und die Reise zu H., ist recht weit. 6 Uhr Dienstanfang? Ist das nicht auf die Dauer auch über größere
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| Kräfte, als H. H. sie hat?
Ich bin begierig zu hören, wie es mit Frau Biermann gestern gewesen ist. Meine Sorge ist immer, daß so etwas zu anstrengend ist. Frau Biermanns Kräfte sind erstaunlich.
In der vielen, immer zu sehr zersplitterten Arbeit der vorigen Woche war ein Lichtpunkt. Die Rote-Kreuz-Schwestern von Westdeutschland hatten am 21.V ihre Hauptversammlung in Stuttgart. Am Nachmittag machten sie in 10 Omnibussen einen Ausflug nach dem Hohenzollern. Um 19 Uhr sollte ich für sie im Aud. max. eine Stunde reden. Als ich kam, waren erst 40 da. Dann aber strömten innerhalb einer Viertelstunde mindestens 600 Schwestern in Tracht herein, bis der Saal überfüllt war. "Ich will mich nicht rühmen" – aber ich habe sehr gut gesprochen. Fast möchte ich sagen: ich hatte Verbindung mit allen Herzen. Um 20¼ fuhren alle Omnibusse wieder ab.
Nun kommt Pfingsten, und ich wünsche Dir besinnliche Festtage bei wärmerem Wetter. Ich habe viel Arbeit vor, und ich
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| bin in Sorge, ob alles so gelingt. Denn die Fröbelrede für Frankfurt (21.6.) muß in den wenigen freien Tagen fertig werden, 2 Dissertationen sind zu lesen, ein Beitrag für den 70 Geburtstag (Olympia-Diem) muß hingesudelt werden, und für den Fortgang der Vorlesungen fehlt auch viel, allzu viel! Aber einen Tag mochte ich doch auch heraus in die Natur.
Heute bekomme ich – wie 40 andere an der Universität – eine Ehrenurkunde für 40jährige Tätigkeit – eigentlich habe ich 43 Dienstjahre. Abends wollen die Studenten der abgegangenen Regierung einen Fackelzug bringen, u. mein Assistent Dr. Fetscher soll reden (wofür er sich nicht sehr eignet.)
Wenn Du wieder einmal eine Zeitung kommen sollte, wirst Du darin etwas lesen, was Dich sehr überraschen wird.
Ich bin fast verzweifelt über die Art, wie sich das deutsche Volk politisch immer blamiert. Es fehlt der Sinn für das Wichtige, Schicksalhafte. Alle tragen ihre kleinen Händel aus, gleichviel, ob der Zeitpunkt dafür geeignet ist.
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Luise Lampert liegt schon seit langem mit einem bedenklichen Herzleiden im Krankenhause Weinsberg.
Holzhausens haben endlich geschrieben. Er hat mir gratuliert und mitgeteilt, daß der Fahrer des Lastwagens, der den Tod von Christianes Eltern verursacht hat, für schuldig erklärt ist. Die Schadenersatzsumme, deren Höhe noch nicht feststeht, soll kapitalisiert werden. Ob ich die Kleine in Frankfurt wiedersehe? Ich bin jetzt so viel bei Holzhausens, aber 146 Jahre früher.
Wir haben einen ungeschickten Dekan. Die Sitzungen dauern infolgedessen bis Mitternacht; am Montag sogar bis ½ 1. Ich bin vorsichtshalber schon garnicht hingegangen.
Jetzt muß ich ins "Lamm" gehen, wo wir von dem Kollegenehepaar Brinkmann zum Frühstück eingeladen sind. Also noch einmal herzliche Wünsche für das Fest und alles Liebe!
Die "andern" grüßen mit mir
Innigst
Dein
Eduard.

[Fuß] Voraussichtlich komme ich am Fronleichnamstag mal wieder durch Heidelberg