Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Juli 1952 (Tübingen)


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Tübingen, den 6. Juli 52.
Meine einzige Freundin!
Jetzt wird es Dir in Deinem schattigen Zimmer recht angenehm sein. Auch mir ist die Hitze sehr recht, nur nicht beim Schreiben mit der immer feuchten Hand; und das ist ja jetzt meine Hauptbeschäftigung.
Auch Dir also will ich endlich einen "Dankbrief" schreiben. Lieber freilich dankte ich mündlich. Ich beginne mit dem schönen, auch äußerlich ehrwürdig wirkenden Bibelspruch. Volle 10 Jahre möchte ich es freilich nicht mehr machen. Aber wir müssen alles nehmen, wie Gott es schickt.
Das Büchelchen mit den alten Bildern von Heidelberg ist ganz reizend; man möchte es eigentlich immer in der Tasche tragen. Auch für die Spanne unsres Lebens gibt es ja schon ein Alt-Heidelberg. Früher war alles stimmungsvoller. Aber für uns ist es auch heute noch überall bedeutungsvoll schön.
Die Karten sind bereits in Gebrauch. Es ist dieselbe Marke wie die
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| nunmehr schon übelriechenden alten. Anfangs waren die neuen so glatt, daß sie immer über den ganzen Tisch tanzten. Die Finger, wie man sie jetzt hat, werden schon für Abhilfe sorgen. Ich wundere mich nur, daß man sie so herstellt.
Dem Paßbild von Dir merkt man den grellen Lichtreiz an. Die Augen sind infolgedessen schreckhaft geöffnet. Hingegen sind die Bilder von der Maria Dorer wirklich ausgezeichnet, besonders das große. Ich freue mich, sie zu besitzen. Gedankt habe ich ihr noch nicht.
Von Deinem Zusammensein mit Hermann habe ich eigentlich nicht Rechtes gehört. Jetzt kommt wohl bald B. von Anroy? Dein lieber Brief erwähnt nicht, daß sie schon da wäre.
Meine Existenz jetzt ist alles andere als angenehm. Wir schätzen 800 Posteingänge. Dem gemäß haben wir 1000 Stück von der beiliegenden Danksagung drucken lassen. Von den Briefen habe ich bis heute nur einen ganz kleinen Teil gelesen. Es gehen nämlich immer folgende Angelegenheiten durcheinander, ohne daß eine von ihnen wirklich gründlich
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| behandelt werden könnte.
1) Die Beratungen über meine Nachfolge. Das erforderte gleich nach dem 27.6. viel Arbeit. Die Fakultät dringt in mich, daß ich wenigstens im Winter noch ganz unter den bisherigen Bedingungen bleibe. Das hätte finanzielle Vorteile (der Geburtstag wird gegen 1000 M kosten.) Aber ich bin noch nicht entschlossen.
2) Die Vorlesung kann in keiner Stunde in der früheren Form übernommen werden. Die Themata sind sehr schwer. Manchmal weiß ich für die drittnächste Stunde noch nicht, wie ich die Linie weiterführen will.
3) Die Danksagungen. Die ganz offiziellen handschriftlichen sind größtenteils heraus. Jetzt sollen erst mal gegen 200 Drucksachen für Tübinger Gratulanten hinausgehen. Die ganze Sache wird noch Monate dauern und wird schließlich zur Zwangsarbeit werden. Es sind – soweit ich gelesen habe – viele schöne Briefe dabei. So schrieb mir ein Halbamerikaner, mit dem ich vor 1894 auf dem Dorotheenstädischen Rg. war. Der gewaltige Blumenflor ist natürlich mittlerweile verblüht. Unter den Geschenken sind herrliche Bücher, manches eigens für mich hergestellt, viele mir öffentlich gewidmet. (Litt, Bollnow, Wenke u. a.) Alle diese Dinge sehen mich vorwurfsvoll an. Susanne schreibt Adressen etc. von früh bis in die Nacht.
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4) Der Beitrag für die Festschrift zu Meineckes 90. Geburtstag. Das muß doch etwas von Belang werden. Ich komme besten falls am Abend dazu, habe erst darauflosgeschrieben, dann erst den Hauptgedanken gefunden. Ein mir widerwärtiger Stil des Arbeitens. Der Termin drängt (14.7. das äußerste!) Ev. muß ich in der nächsten Woche für 2 Nächte weggehen, um den Text in Ruhe fertig zu machen.
5) Die Durchreisenden, die gemäß der Jahreszeit immer zahlreicher werden. Gestern war Nieschling hier – über 2 Stunden. An sich sehr erwünscht; aber won nehme ich die 2 Stunden her, wenn am Vorm. schon einer 1½ Stunden da war?
Gott sei Dank bin ich gesundheitlich gut im Stande. Gern würde ich Dir vom Geburtstag selbst noch mehr erzählen Aber das muß bis zur nächsten Begegnung bleiben, und Du mußt Nachsicht üben.
Man soll sich nicht lange in greller Sonne aufhalten. Es ist richtig, daß Du mehr trinkst. Mir hat Schmeil 30 Flaschen guten Weines geschenkt; die Stadt Tübingen 5 oder 6 Flaschen Sekt. Außerdem erlesene Marken in Einzelflaschen.
Ich danke innigst für Deine lieben, sinnvollen und schönen Gaben – die Erinnerungen heraufbringen und Zukunft hoffen lassen. Lebe recht vorsichtig und schone Deine Kräfte ja! Es grüßen Dich herzlich
Deine Susanne, Ida   und Eduard [unter dem Namen] Dr. jurx)

[li. Rand] x Die Tübinger wollten ihn mir auch verleihen, sind aber zugunsten von Köln zurückgetreten.

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<Beiligend, die auf S. 2 erwähnte, gedruckte Danksagung>
PROFESSOR EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12
Die überwältigende Fülle von Beweisen gütiger Teilnahme an meinem 70. Geburtstage hat mich tief bewegt. Es ist nicht leicht, dafür in Worten zu danken, da sie immer auf allgemeinen Ausruck bringen müssen, was sehr viel intimer empfunden wird. Fast jede einzelne Stunde hat in mir das Bild einer persönlichen Begegnung mit heraufgebracht, die in meinem Leben ihre Bedeutung gehabt hat und also in ihm noch fortklingt. Alle Herzensfreunde und Weggenossen, frühere Teilnehmer meiner Vorlesungen und Seminare aus 43 Jahren, verständnisvolle Leser meiner Schriften haben mich freundlich gegrüßt und oft auch noch schöne Gaben hinzugefügt. Die herrlichen, aber vergänglichen Blumen der Hochsommerzeit werden in meiner dankbaren Erinnerung fortblühen. Wenn man alt geworden ist, wiegt das Kleinste wie das Kostbarste gleich viel, so viel, wie die Güte des Herzens, aus der es kommt. Und der beglückte Empfänger drängt die beunruhigende Frage nach dem bescheidenen Verdienst, das er etwa haben könnte, zurück, weil man ihn wohlmeinend in eine Sphäre emporgeführt hat, in der nur noch "Idee und Liebe" gelten. Man hat das, was ich gern tun w o l l t e und sein w o l l t e, nachsichtig für das genommen, was ich aus meinem Stückchen Menschentum zur Not habe machen können. Ich betrachte das als eine Gnade, die zur stillen Einkehr mahnt.
Wie weit es mir später möglich sein wird, auf die vielen Hunderte von Zuschriften, Gaben und Ehrungen noch persönlicher zu antworten, erfüllt mich mit Sorge; denn der Tag erfordert noch täglich meine Bereitschaft. Die Güte, die man mir gewährt hat, wolle man auch nach dieser Richtung erstrecken. Unsichtbare Fäden verbinden Seele mit Seele. Aus diesem Bereich kommt mein tief empfundener Dank und mein herzlicher Gruß.
Tübingen, im Juli 1952.

<handschriftlich:>
Eduard Spranger