Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. August 1952 (Schloß Mainau)


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Schloß Mainau
<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>
Sonntag 24.8.52.
Meine einzige Freundin!
Am 21. gegen Abend bin ich an der Reichenau vorbeigefahren. Es war verschleiert, so daß man kaum die Kirchen erkennen konnte. Hier habe ich ein hübsches, stilles Zimmer in einfachem Schloßstil nach der Seeseite heraus. Am ersten Tag war es sonnig, seitdem ziemlich farblos, labbrig. Die Bäume und Blumen im Park sind schöner als je.
Ich habe hier unerwartet viel Freizeit. Vortrag und Diskussion ist nur am Vormittag. Man speist gemeinsam; sonst kann jeder seiner Wege gehn, wie er will. Gleich am 1. Nachm. suchte ich St.-Kathrin auf, machte unnötige Umfwege, verlor aber die Richtung nicht. Es war dort alles wie früher, nur – die Kastanienbäume sind 30 Jahre älter und dichter geworden. Gestern war ich mit dem Dampfer für 1½ Stunden in Überlingen,
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| besuchte die Ankerleute und aß mich satt. Heute ist sehr entfernt bekannter Besuch angemeldet: der Neffe von Petersen. Auch Ida plante eine Mainaufahrt mit Omnibus; ich würde sie aber nur durch Zufall attrappieren.
Ich habe nur noch 2 Vorträge zu halten und plane, Dienstag Abend wieder zu Hause zu sein. Die Vielsprachigkeit hier ist für mich störend. Es muß viel übersetzt werden. Der Hintergrund ist Christian association of young men. Vertretender Leiter ist ein liebenswürdiger Mann: Dr. Krämer, den ich 1933 als Direktor der Deutschen Schule in Helsinki kennen gelernt habe.
Trotz günstiger Bedingungen ist nicht viel Stimmung. Es ist nicht angenehm, auf seinem eigenen Leichenstein spazieren zu gehen. – Hier fluten täglich tausende von Touristen durch - von einem Typ, unter dem man keine Bekannten findet.
Möge es Dir gut gegangen sein bei der kühleren Temperatur! In stetem Bodenseegedenken herzlich grüßend Dein
Eduard