Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. August 1952 (Tübingen)


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Tübingen, den 29. August 52
Meine einzige Freundin!
Herzlichen Dank für Deinen lieben Brief nach der Mainau und für den, der mich hier empfangen hat.
Es bestand wohl insofern in diesem Sommer nicht genügend Kontakt über das Äußere zwischen uns, als ich von vornherein den Geburtstag als eine schwere Gefahrenzone für mich angesehen habe, an der man wohl kaputt gehen könnte und die sozusagen durch eine äußerste Gewaltanstrengung überwunden werden mußte. Immer wieder habe ich vorher und nachher zu Susanne gesagt: „die wollen mich töten." Du aber hast mehr an das Schöne eines solchen Jubiläums gedacht, das, offen gesagt, über der Qual: wie soll nur alles geschafft werden?, sehr in den Hintergrund getreten ist.
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Damit nun wenigstens bei Dir über das weiter abzuwickelnde Programm keine Unklarheit besteht, will ich Dir die Hauptdaten mitteilen: Heute und morgen wollte eigentlich Louvaris kommen. Er hat aber weder Nachricht gegeben noch ist er aufgetaucht. Ich arbeite sehr angestrengt für einen hier bei einem Ferienkursus zu haltenden Vortrag (3.9.) "Romantische Psychologie und Psychologie der Romantik." Am 6. September sollte ich eigentlich in Eßlingen über Fröbel reden. Aber der Kunde, der sich bei mir beworben hatte, ist nicht wieder aufgetaucht. Das fällt also weg. Wohl aber treffe ich an dem Nachmittag des 6.IX u. Vorm. 7.IX in Eßlingen mit Litt zusammen, der von Gastein durchkommt. Ich habe ihn seit einem Jahr nicht gesehen. Am 14.9. ist auf der Burg Hohenzollern die Wiederbeisetzung der Särge Fs. d. Gr. u. F. W.s I, zu der der Prinz Louis Ferdinand mich eingeladen hat. Da muß ich doch wohl dabei sein.
Sehr ärgerlich ist folgendes: Schon im Frühjahr war ich zu Vorträgen in
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| Schweden eingeladen. Ich habe gebeten, das auf das letzte Drittel des September zu verschieben. Aber auch dieser freundliche Mann scheint die Sache vergessen zu haben. Das wäre mir auch sehr recht. Denn ich fühle mich nicht kräftig genug zu einer so weiten Reise,x) [re. Rand] x) In Freudenstadt bin ich in einem Besorgnis erregenden Zustande eingetroffen. abgesehen davon, daß sie mir (für 2 Personen; allein könnte ich so etwas nicht mehr) zu kostspielig wird.
Anfang Oktober soll das Kapitel des Ordens pour le mérite in Bonn zusammentreffen. Damit wollte ich 1) Vorstandssitzung der G.G. in Frankfurt am M. verbinden, 2) und vor allem aber einen Tag in Heidelberg bleiben. Auch hierbei ist ja zu bedenken, daß eine Fahrt nach Heidelberg ohne Übernachtung ca 50 M kostet – und der Geburtstag war nicht billig. Die Reise nach Bonn aber wird mir bezahlt. Ich werde mir aber alle Mühe geben, schon vorher für ein paar Stunden zu kommen. Mitte Oktober ist eine Tagung der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Würzburg, die wohl 4 Tage in Anspruch nehmen wird.
Aber nicht wegen dieser trockenen Daten schreibe ich gerade heute. Ich hoffe
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| vielmehr, daß diese Zeilen morgen Nachmittag noch zu Dir kommen – zu dem doppelten Gedenktag. Über ihn muß ich zunächst sehr unfeierlich sagen: Ich weiß garnicht, wie es mir vorkommt, wenn Du auch nur einen Moment glauben könntest, Du seiest nicht das Zentrum in meinem außerhäuslichen Leben! Das wäre schon eine Sünde gegen den heiligen Geist unsrer Freundschaft. Das Jahr 1952 hat nur die unerfreuliche Wirkung gehabt, daß ich noch mehr als früher zum öffentlichen Institut geworden bin und – wie Du siehst, nur noch einen schmalen Spielraum in der Verfügung über meine Zeit habe. Es ist gewiß kein Fehler des Herzens, wenn ich in den letzten 3 Monaten – nun eben nicht konnte. Aber: der 31. August 1903 bleibt der Geburtstag des Besten in mir. Alle Bilder von damals stehen vor meiner Seele. Alle Bilder der Zwischenzeit sind das Kapital, von dem meine Seele.[über der zeile] lebt. In Freudenstadt, auf der Mainau – überall begegnest Du mir. Mehr als das Unendliche kannst Du nicht erwarten. Ich liebe Dich unendlich; das soll heute noch einmal gesagt, aber auch nach besten Kräften bewiesen werden. Du würdest mir eine Liebe erweisen, wenn Du sagtest, daß Du an alledem nicht zweifelst. Das kann ja auch nicht sein.
Am 21. Aug. habe ich mein 40jähr. Jubi<li. Rand>läum als Ordinarius auf der Fahrt an den Bodensee gefeiert. Der Bodensee, in dieser Jahreszeit abscheulich, grüßt Dich. Ebenso Susanne u. Ida. Und ich grüße den Weißen Stein, der zum Stein der Weisen geworden ist.
<Kopf>
Innigst Dein Eduard.