Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. September 1952 (Tübingen)


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Tübingen, den 18. September 52
Meine einzige Freundin!
Als ich vor 11 Tagen von Heidelberg zurückfuhr, war in Stuttgart und Tübingen unangenehm kaltes Regenwetter, und bei dieser Kälte ist es seitdem geblieben. Wir heizen schon fast jeden Tag. Es hat aber nicht immer geregnet. So konnten wir 2 große Nachmittagswanderungen im Schönbuch machen, den wir ja noch kaum kennen: einmal in reichlich 3 Stunden (!) nach Breitenholz hinter Entringen; auf diesem Weg haben wir 4 Arbeiter getroffen; sonst niemanden. Die andre Tour fing etwa halben Weges nach Bebenhausen an, ging über Pfrondorf nach Kirchentellinsfurt (ebenfalls 3 Stunden.)
Sonst habe ich viel alte Arbeitspflichten abgewickelt, so daß meine Situation nun allmählich menschlicher wird. Die Zahl der Durchreisenden nimmt ab.
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| Es war nur ein netter japanischer Professor von der Keio-Universität da, an der ich ja auch gesprochen habe.
Am 14.9. fuhr ich, obwohl gesondert eingeladen, mit unsrem Prorektor Thielicke und den Dekanen im Auto auf die Burg Hohenzollern. Graf Hardenberg machte den Hofmarschall; sie war auch da, ferner Kuhn, Reinhold Schneider, Ernst Jünger, die Generale Speidel und Heusinger, Bundestagspräsident Ehlers – im ganzen 250 Gäste. Die Professoren hatten ihre Plätze unmittelbar hinter den Mitgliedern des prinzlichen Hauses. So kam ich mit dem Prinzen Oskar in ein nettes Gespräch über Wein. Bei dem betont einfachen Frühstück saß ich am Tisch des Prinzen L. F. (mit Döhring, Reger – Tagesspiegel etc.) Meine Nachbarin links war die Fürstin v. Hohenzollern. Sie ist Kgl. Hoheit, also wohl eine Tochter meines ehemaligen Landesherrn. Sie war außerordentlich liebenswürdig und einfach. Der Fürst wohnt nicht mehr in Sigmaringen, sondern in Krauchenwies! Dorthin hat die Fürstin mich eingeladen.
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Die Kronprinzessin, die sich meiner sichtlich erinnerte, sah recht verändert aus. Sie soll 2 Schlaganfälle gehabt haben und geht am Stock (wie auch Prinz Oskar.) Mit dem Prinzenpaar waren seine 6 Kinder gekommen, alle etwas blaß, mit Ausnahme des jüngsten Mädchens, dessen Engelskopf mich entzückte, während ich am Sarge des alten Fritz stand.
Von ihm wurde ein Flötenkonzert gespielt, und nachher hörte man im Hof die klassischen preußischen Märsche, die mich doch wieder so bewegt haben, wie damals (1923?) in Überlingen.
Thielicke drängte zu frühem Aufbruch. Sonst wäre ich noch mit der Gräfin Hardenberg und Kuhn zusammengeblieben. Es war doch ein eindrucksvoller Tag; daß er mich innerlich mitgenommen hat, merkte ich daran, daß ich mit der Arbeit nicht wieder in Gang kam.
Wie ich Dir erzählt habe, wollten wir "vorsorglich" noch 4–5 Ferientage in der Nähe machen. Holzhausens wollten Ende des Monats auch in den Schwarz
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, mit der Nebenabsicht, daß Christiane bei dieser Gelegenheit ihre Großmutter kennen lernen sollte. (ein etwas gewagtes Experiment.) Trotz Anfragen haben sie sich über Ort und Zeit noch nicht entschieden. Das jetzige Wetter ist ja auch für uns nicht einladend. Aber ich mache gern m. Arbeitsplan im voraus.
Morgen kommen also Matusseks. Am 7. Oktober hoffe ich mit Dir in Heidelberg Mittag essen zu können – am Bhf. Die Einladung vom Bundespräsidenten für den Abend des 9. Oktober ist heute schon gekommen.
Meine Arbeiten waren alle sehr reizlos (langweilige Mss., kleine Anzapfungen von der Art der beigelegten.) An eigne Unternehmungen denke ich von vornherein nicht. Dann kommt man so halbwegs durch.
Warst Du zu der Beerdigung von Herrn Heinrich? Eigentlich sollen wir in unsren Jahren bei zweifelhaftem Wetter nicht zu Begräbnissen gehen. (Hoffentlich wird noch ein bißchen Sommer nachgeliefert!) Ich habe Dich schon gebeten, Frau Heinrich mein Beileid auszusprechen.
Wie hieß der Dr. von Frl. Héraucourt in <li. Rand> Reutlingen? Die Tochter der Fürstin v. H. hat dasselbe Leiden, ist jetzt im Stillachhaus (Oberstdorf.)
<re. Rand> Susanne und Ida grüßen herzlich. Wir wollten jetzt zu Prof. Spiethoff gehen – der einst Assistent v. Schmoller war, jetzt als Bonner Emeritus hier lebt. | Sei vorsichtig u. pflege Dich!
<Kopf>
Innigst Dein Eduard

[re. Rand S. 1] Ida will zum Oktoberfest fahren.