Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Oktober 1952 (Tübingen)


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Tübingen, den 1. Oktober
Meine einzige Freundin!
Aus Schenkenzell bin ich in keiner günstigen Verfassung zurückgekehrt. Ich nehme aber an, daß sie nur auf die dauernde Föhnlage zurückzuführen ist, und vor allem hoffe ich, daß sie Dich nicht in gleicher Weise alteriert hat. Denn sie war und ist wohl außergewöhnlich.
Wir haben in dem kleinen, sehr "niedlichen" Schenkenzell in einem privaten Holzhause, das übrigens noch nicht ganz fertig ist, recht angenehm gewohnt, haben natürlich jeden Tag heizen lassen. Schon zum Frühstück mußten wir allerdings jeden Tag in das Gasthaus "Sonne", das gemütliche Räume hat und eine gute Verpflegung bietet.
Am 1. Tage gingen wir in der Richtung auf das Reinerzauer Tal, an das Du wohl ebensowenig wie ich noch eine bestimmte Erinnerung haben wirst. Der 2. Tag – Samstag – brachte Sturm und Regen, wie ich sie selten erlebt habe.
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| Obwohl die sog. "Sonne" nur 6 Minuten zu Fuß vom Bahnhof liegt, mußten wir für die 3 Holzhausens einen Wagen bestellen. Sie trafen um 18 Uhr ein.
Christiane sieht noch ein bißchen blaß aus und ist ebenso schonungsbedürftig wie offenbar Frau v. Holzhausen. Das kleine Ding ist eben äußerst temperamentvoll, sehr intelligent, interessiert und stürmischer Liebkosungen fähig. Es ist nicht leicht, sie zu bändigen. Charakteristisches Diktum: "Ich muß nicht." Aber Frau v. H. versteht es ausgezeichnet, alles zu moderieren und zu pflegen.
Sonntag Nachm. fuhren wir in das benachbarte Alpirsbach. Da war dann bald eine 11köpfige Familie beisammen, was den großen Hund Groll zu einer wehmütigen Ausreißaktion veranlaßte.
Montag Nachm. wollten wir 5 Schenkenzeller in entgegengesetzter Richtung nach Schiltach gehen. Mindestens dreimal setzten wir an, wurden aber durch tiefschwarze Wolken und schweren Gewitterregen dreimal zum
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| Rückzug genötigt. Dieser erfolgte Dank meiner Geländekenntnis in eine Art von ausgebauter Höhle am Wege, einem Dreckloch, das aber für Christiane zum Höhepunkt des ganzen Zusammenseins wurde. Schließlich konnten wir den sehr reizvollen Weg doch noch machen, allerdings etwas eilig. Wir (Susanne und ich) fuhren dann mit der Kleinen sogleich zurück, während das Ehepaar Holzhausen sich mit großem Genuß noch die Stadt ansah und zu Fuß heimkehrte. Susanne brachte Christiane zu Bett – ein zweiter Höhepunkt.
Gestern (Montag) konnten wir noch einen hübschen Weg machen; dann regnete es sich wieder ein. H.s. fuhren mit bis Alpirsbach (wir waren um 17 in Tübingen) Heute Abend werden H.s nun in Leinshof bei Alpirs Kloster Reichenbach sein, wo die Hausgenossin Frl. Wolf, Stadtbaumeisterin von Kronberg, für 10 Tage mit ihnen zusammenstoßen wird.
Ich habe mir am letzten Tage ein wenig den Magen verdorben. Aber ich bin ganz benommen im Kopf, was man hoffentlich heute bei den Prüfungen, die ich am Vorm. u. Nachm. abzuhalten hatte, nicht bemerkt hat. Es kommt nun wohl das unvermeidliche Minus
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| nach der dauernden Überbeanspruchung. Bis Samstag dauern die Prüfungen vorm. u. nachm. noch fort.
Deinen lieben Brief vom 26.9. habe ich in Sch. dankbar und freudig und im Gedenken an unser Wolfach und Umgebung empfangen. Es hat mich gewundert, daß Matusseks nicht bei Dir waren. Morgen wird also Mädi kommen. [über der Zeile] (bitte Grüße) Und die neue Haushilfe?
In 2 Zeitungen habe ich gelesen, daß ich den Schweizer "Pestalozzi-Weltpreis" erhalten habe. Du vielleicht auch. Ich habe auch schon mehrere Glückwünsche dazu erhalten. Aber offiziell ist mir noch nichts mitgeteilt worden. "Seltsames Asien."
Ich hoffe also am 7.X um 13.17x) [li. Rand] x) Weiterfahrt 14.48 in Heidelberg einzutreffen und mit Dir am Bahnhof Mittag zu essen. Voraussetzung, daß es schon etwas besser mit mir steht. Denn Frankfurt und Bonn werden wieder anspruchsvoll und anstrengend.
Es ist zwar erst 9 Uhr; aber ich will doch schon schlafen gehn. Denn es ist "mit mir nicht viel los". Deshalb kurz Schluß und innigste Grüße, auch von der Gefolgschaft, von der mindestens Susanne ebenso dusselig zu sein scheint, wie ich.
Treulichst Dein
Eduard.