Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Oktober 1952 (Tübingen)


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<Briefkopf: PROFESSOR DR. EDUARD SPRANGER
TÜBINGEN
RÜMELINSTR. 12>

20.X.52.
Meine einzige Freundin!
Aus anstrengenden Tagen in Würzburg zurückgekehrt hoffte ich, Dir in Ruhe schreiben zu können. Ich sehe, daß ein solcher Zustand für mich wohl nicht mehr kommen wird, ehe ich – so oder so – aus diesem Zeitgetriebe ausscheide.
Zunächst danke ich herzlich für die Zigarrensendung mit Gruß, die schnell und wohlbehalten angekommen ist. In Würzburg waren wir zusammen nur einmal, August 1918, als das deutliche Gefühl der endgiltigen Niederlage uns von einem Sommeraufenthalt absehen ließ. Wir waren m. W. nur eine Nacht dort, ehe wir nach Heidelberg gingen.
Die Schönheit der landschaftlichen Lage hat keine Macht zerstören können. Die Festung Marienberg thront noch, und die abendliche Anstrahlung hat hier nichts von Kitsch; sondern sie wirkt wie eine Gralsburg. Vom Zustand der Stadt,
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| besonders auch der Kirchen, laß mich schweigen.
Das "Lämmle" hat sich wieder ganz nett aufgebaut und war im Innern recht gemütlich. Mein Zimmer allerdings war kaum mehr als eine Schlafstätte – in der ich doch 5 Nächte zubringen mußte. Die Sitzungen am 14. 15. 16. 17.X waren weniger aufreibend als sonst. Zwei Abendeinladungen auf die Feste Marienberg setzten der Ausdehnung bis in die Nacht Grenzen. Oben ist ein herrliches Museum entstanden, das man im Troß nicht annähernd genießen konnte. Der Gastgeber des 2. Abends war der Bayrische Kultusminister. Bei dieser Gelegenheit hatte ich leider mit meinem (= eurem) Minister einen harten Zusammenstoß. Der Provozierende, daß muß ich zugeben, war ich. Aber mir floß die Galle gegenüber dieser arroganten Null über (was man hier dankbar aufnimmt.) Ich ging bald danach zu Fuß in die Stadt hinunter und hatte eine schlechte Nacht. Aber ich habe nicht etwa bereut, ihm gesagt zu haben: "mit Ihnen gibt es nun nur noch den Kampf."
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Manche wertvolle [über der Zeile] neue Bekanntschaft habe ich neu gemacht, z. B. mit Eurem Juristen Engisch. Das Anstrengendste für mich persönlich kam erst am 18.X, wo ich eine Sonderkommission über ein umrißloses Problem selbst zu leiten hatte. Die 5½ stündige Sitzung verlief viel positiver, als zu erhoffen war. Zu den Teilnehmern gehörten Litt (der diesmal einen sehr gealterten Eindruck – schlechtes Deutsch! – machte), ein Nationalökonom Mackenroth aus Kiel, mit dem ich bis Mitternacht in höchst lebendiger Unterhaltung zusammensaß, – ferner der einarmige sympathische Nationalökonom Albrecht (Marburg), der Jurist Jahrreiß aus Köln (cf. meinen juristischen Ehrendoktor), ein Astronom Becker aus Bonn u. a.
Gestern Sonntag begrüßte mich Litt noch an der Bahn. Er ist sehr glücklich über den Pour le mérite. In der Wochenschau dieser Woche läuft vielfach eine Aufnahme aus Bonn, auf der auch ich zu sehen sein soll. – Um 15 Uhr gestern war ich ziemlich zerrüttet zu Hause.
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Rückkehr zur Arbeit, die mich fördert, war mir damit nicht vergönnt. Gleich heute waren 4 je 1–1½ stündige Besuche, die auch wichtig waren. Man regt sich hier auf, daß der Züricher [über der Zeile] Hans Barth einen Ruf als mein Nachfolger erhalten hat. Dagegen ist nicht viel zu sagen. Denn er stand auf der Liste, allerdings als dritter. Ein pflichttreuer Minister prüft zunächst den ersten Kandidaten. Der war Bollnow; er ist nun gekränkt, steht anderswo auf Listen, und man muß ihn als verloren ansehn. Das Schlimmste ist, daß der Schweizer kaum annehmen wird – dann haben wir garnichts. So kann ein unfähiger Minister eine blühende Universität in 6 Monaten durch seine Dummheit ruinieren. – Mein Konflikt mit ihm betraf aber einen anderen Fall. Niemand sollte verbreiten, daß die Berufung von Barth ungerechtfertigt war. Sie war nur ein Mißgriff eines absolut Unfähigen. Das alles wird die Öffentlichkeit noch mehr beschäftigen, als mir lieb ist.
Nun bin ich zu müde, um noch andere Themata zu berühren, deren es viele gäbe. Am 30.X ist Meineckes 90. Geburtstag. Leider ist Frau M. nun anscheinend total erschöpft. Das wirft einen schweren Schatten.
W. Jaeger ist, wie Louvaris schreibt, jetzt in Athen. Auch er scheint abzutakeln. Um <li. Rand> mich kümmert er sich nicht mehr. – Mein Schweizer Preis ist hier steuerfrei. Es kommt also ⅓ als nicht unerwünschter Reisefonds für uns heraus.
<re. Rand> Heute gießt es hier wieder. Ich spekuliere aber noch auf einen Tag in der Natur, ehe der eigentl. Winter kommt. "Heimatkunde" wird eben neu gedruckt. Alle Grüßen. Innigst Dein
E.

[re. Rand S. 2] Christiane hat einen Tannenzapfen herrlich als Drachen hergerichtet geschickt;
der Baron hat dazu gedichtet.